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Missbrauch in der Kirche: die Opfer sehen
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Missbrauch in der Kirche: die Opfer sehen

Alexander Matschak
Ein Beitrag von

Alexander Matschak,

Stellvertretender Pressesprecher des katholischen Bistums Mainz
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Manchmal passiert es: Da kommt mir etwas plötzlich ganz nah. Etwas, was ich mir ganz gern auf Abstand gehalten habe. Das ist mir bei einem Gespräch mit meiner Schwiegermutter passiert. Wir waren irgendwie auf das Thema Sexueller Missbrauch in der Katholischen Kirche gekommen. Sie hat mir lange zugehört, hat sich von mir erzählen lassen, was ich als Kirchenmensch so alles dazu zu sagen habe. Und nach kurzem Schweigen hat sie mir von einer guten Freundin und deren Sohn erzählt. Wie dieser Sohn von einem Pfarrer missbraucht wurde. Wie das sein Leben bis heute erschüttert. Und dass ihre Freundin bis heute kaum darüber sprechen kann. Und plötzlich kommt mir dieses Leid ganz nah. Plötzlich kenne ich da jemanden, der diese Hölle erlebt haben muss. Auch wenn ich mich schon viel mit diesem Thema beschäftigt habe: Es ist anders, wenn man jemanden persönlich kennt. Denn jetzt hat dieses Thema für mich ein ganz konkretes Gesicht.

Und heute: Da denke ich wieder an dieses Gespräch und an diese Freundin meiner Schwiegermutter. Denn heute ist der so genannte „Gebetstag für die Opfer sexuellen Missbrauchs“. Papst Franziskus hatte angeregt, diesen Tag jährlich zu begehen. Und die deutschen Bischöfe haben ihn auf den 18. November gelegt. Rund um diesen Tag soll in den Kirchengemeinden ein Gottesdienst gefeiert werden – eine Gebetsstunde oder auch ein Klage-Weg. Vielleicht werden da so manche jetzt fragen: Was soll diese Beterei? Das bringt doch nichts. Es kann doch nur um eines gehen: Die Opfer brauchen endlich Gerechtigkeit.

Ich denke: Beides ist wichtig, Gerechtigkeit und Gebet. Bei der Gerechtigkeit beobachte ich: Endlich passiert da was. Im Bistum Mainz zum Beispiel hat ein unabhängiges Aufklärungsprojekt zum sexuellen Missbrauch begonnen. Und die Bischöfe diskutieren endlich gemeinsam mit Opfervertretern über echte Entschädigungszahlungen. Aber: Es braucht auch das Gebet. Es braucht das Gebet um Gottes Beistand für die Opfer. Und es braucht die Klage. Die Klage über die Verbrechen. Über das jahrelange Vertuschen und Verschweigen. Die Klage über das, was Menschen anderen Menschen antun. Über das Leid, das Menschen bis heute quält.

Beten hilft mir, meinen Blick auf etwas zu fokussieren, mich für etwas sensibel zu machen. Und mich letztlich dazu zu bringen, zu handeln. So heißt es auch in einem Gebet, das für den heutigen Tag geschrieben wurde. Es lautet: „Überlege es dir gut, ob du wirklich sehen willst. Viel Schreckliches kennst du bislang nur vom Hörensagen. Willst du wirklich fremdes Leid mit ansehen und der Ungerechtigkeit der Welt ins Auge blicken? Sehen will ich, Herr. Augenblicklich dich anschauen. Und mit dir im Blick fürchte ich nicht, alles zu sehen.“ Wenn ich dieses Gebet spreche, habe ich die Freundin meiner Schwiegermutter vor Augen. Und ich hoffe, dass ihr Sohn Gerechtigkeit erfährt.

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