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Glauben ist wie Äpfel essen
Pixabay/khamkhor

Glauben ist wie Äpfel essen

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Vor einigen Tagen habe ich eine E-Mail bekommen, von einer ehemaligen Konfirmandin. Ich nenne sie hier mal Julia. Sie studiert mittlerweile Lehramt und hat auch das Fach Religion. Sie muss ein Referat über die Frage halten: Kann man Glauben lernen oder ist der Glaube ein reines Geschenk von Gott?

Gar nicht so einfach. Zwischen ihr und mir entsteht ein reger E-Mail-Austausch.

Ich schreibe: Martin Luther sieht den Glauben als Gegenpol zu den guten Werken. Ob ich in den Himmel komme, liegt ganz und gar nicht an meiner Aktivität oder an guten Werken, es ist die Gnade Gottes. Das heißt letztlich: Ja, der Glaube ist für Luther ein reines Geschenk Gottes. Ich sehe das auch so. Der Glaube ist ja eine Überzeugung, eine Gewissheit, ein Vertrauen. Das kann ich nicht selbst herstellen. Das muss in mir wachsen durch Erfahrungen, durch Beziehung. Natürlich kann der Unterricht Chancen schaffen, damit so eine Überzeugung entsteht.

Julia schreibt mir per E-Mail zurück: Wenn der Glaube ein Geschenk ist, dann muss man ihn doch auch aktiv annehmen. Gehört es nicht zur Freiheit des Menschen, das Geschenk auch abzulehnen?

Ich überlege und antworte: Ja, das sehen manche christliche Gemeinschaften so. Sie sind überzeugt: Man muss selbst aktiv Ja oder Nein zum Glauben sagen. Darum taufen sie keine Babys, sondern nur Heranwachsende ab acht Jahren. Aber ich finde: Sobald ich definiere, was der Mensch genau für den Glauben tun muss, kommt der Leistungsgedanke wieder ins Spiel. Habe ich meinen Anteil erfüllt oder nicht?

Für mich ist es ein Trost zu wissen: Ich bin als Baby getauft worden. Selbst da bestand schon eine Beziehung zu Gott, ohne dass ich etwas dazu tun musste.

Für mich ist das auch wichtig im Umgang mit geistig beeinträchtigten Menschen. Die glauben nicht weniger, nur weil sie weniger intellektuell ausgeprägt sind als ich.

Auch den Glauben anzunehmen ist im Grunde ein Geschenk. Ich muss den richtigen Menschen begegnen, die richtigen Gefühle und Erfahrungen ins Herz gepflanzt bekommen.

Julia stimmt zu. Aber sie hat noch eine Anmerkung: Dann kann ich ja die Hände in den Schoss legen, Gott bestimmt alles.

Ich empfinde es anders: Ja, es ist Gott, der mir den Glauben und meine Weltsicht schenkt. Aber das ist eine ungeheure Freiheit. Ich darf zweifeln, ich darf ehrlich mit mir selbst sein, wenn ich etwas nicht verstehe oder nicht so erfahre. Ich sage dann zu Gott: „Du musst mir das Ganze schon so nahebringen, dass ich es verstehe."

Natürlich glaube ich nicht gegen meinen Willen und nicht gegen meinen Verstand.

Luther vergleicht Glauben mit Äpfel essen. Du siehst den Apfel, er ist so schön und rot und glänzend, du musst einfach reinbeißen. Das heißt, es ist nicht wirklich deine eigene Entscheidung, aber du bist trotzdem aktiv dabei. Ein schönes Bild findet Julia. Ich auch. Vielleicht, weil ich gern Äpfel esse. Und gern glaube.

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