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"Es kommt, wie es kommt!"
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"Es kommt, wie es kommt!"

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Ich kann mich noch gut an das Telefonat mit meiner Bekannten Petra erinnern. Sie ist eine echte Rheinländerin und lebensfroh. Sie erzählte mir: „Mein Mann ist an Darmkrebs erkrankt.“ Die Diagnose war erst ein paar Tage alt. Es war nicht klar, was bei den Untersuchungen noch herauskommen würde. Petra sagte: „Sie haben auch etwas in der Leber gesehen. Ich hoffe so sehr, das der Tumor nicht gestreut hat. Nächste Woche wird Michael operiert. Ich mache mir große Sorgen“ Und dann sagte sie, was ich schon oft von ihr gehört hatte: Na ja, es kütt, wie et kütt.“ Es kommt, wie es kommt. Und sie schob nach: „Es ist noch immer gut gegangen.“
Ich habe Petra für ihre Haltung bewundert. Sie klang traurig, aber auch trotzig. Irgendwie zuversichtlich. Nicht resigniert. In einer Situation, in der nicht sicher war, wie es weitergehen sollte. „Es kommt, wie es kommt.“ Über diese Haltung zum Leben hat der Journalist Matthias Dobrinski ein kleines Buch geschrieben. Es heißt: „Lob des Fatalismus“.
Der Titel hat mich überrascht. Denn wie hört sich das an, wenn jemand sagt: „Ich bin ein Fatalist!“ Ich verbinde damit: Schicksalsergeben und passiv. Der Fatalismus, den Mathias Dobrinsi vertritt, ist aber keine Entschuldigung, das Mögliche nicht zu versuchen. In der Partnerschaft, in der Kindererziehung, im Beruf oder wo auch immer. Natürlich kann ich nicht alles im Leben dem Zufall überlassen. Das wäre fahrlässig. Dobrinski meint: „Wir müssen uns aber auf so manchen schwankenden Boden einlassen – und hoffen, dass es gut ausgeht. Es gibt Momente, in denen wir nicht alles selbst in der Hand haben. Es gibt keine absolute Sicherheit. Weder im privaten noch im politischen Bereich.“
Matthias Dobrinski beobachtet: „Wird jemand schwer krank, rät man ihm häufig: Nimm diese Krankheit als Herausforderung! Denk positiv! Das ist gut gemeint. Aber ich muss doch nicht sofort alle Sorgen wegschieben. Ich möchte auch sagen dürfen, was mich belastet. Sonst trage ich am Ende die Schuld, wenn sich eine Krankheit nicht besiegen lässt – weil ich nicht positiv genug gedacht habe. Ich bin gegen diesen Selbstoptimierungswahn. Er findet: „Ich kann die Hoffnung nicht selbst produzieren und garantieren, dass das Erhoffte eintritt. Das ist lebensfeindlich und unmenschlich.“
Dobrinski plädiert dafür, gelassener mit dem umzugehen, was unser Leben bedroht. Und zu unterscheiden, was änderbar ist und was nach genauer Prüfung als unabänderlich erscheint, zumindest für diesen Moment. Er erinnert an ein Gebet, das dem amerikanische Theologe Reinold Niebuhr zugeschrieben wird: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann: Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Dieses Gebet richtet sich an Gott. Von Gott sagen biblische Zeugen: Er nimmt das Unvollkommene des Lebens an, das Gebrochene und das Leidende. Das finde ich entlastend. Der christliche Glaube hilft mir, mich von Allmachts- und Kontrollphantasien zu befreien. Gott kennt die dunklen Seiten des Lebens und schiebt sie nicht vorschnell beiseite. So kann ich mich darauf einlassen, weil ich darauf vertraue: Das Dunkle behält nicht das letzte Wort.
Vor ein paar Tagen habe ich wieder mit Petra telefoniert. Sie erzählte: „Es sieht ganz gut aus. Michael geht in zwei Wochen in die Reha. Wir stehen das zusammen durch.“ Ich war erleichtert. Ich weiß: Es geht nicht immer gut. Aber manchmal hilft es schon, daran zu glauben, dass es gutgeht. Weil Gott mehr Möglichkeiten hat als ich.

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