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Die Frau mit den Ringen
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Die Frau mit den Ringen

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Vor ihr ein Teller. Darauf Fisch und Kartoffeln. Sie isst aber nicht, hat kein Besteck in der Hand. Stattdessen hält sie eine Hand in der andern. Ein paar Finger bewegen sich. Von der Seite sehe ich, wie sie ihren Ehering dreht. Nein, nicht einen Ring. Es sind zwei. Also ist sie Witwe. Ihre Kleidung ist dunkelgrau. Sie schaut ins Nichts. Seit ein paar Wochen, stelle ich mir vor, ist sie ohne Mann. Vielleicht nach vielen Jahrzehnten. Das ist schlimm. Das Leben zerbricht. Nichts bleibt. Kein Gespräch oder Scherze; kein Sorgen für den anderen. Er ist weg und sie alleine. Nur sein Ring ist geblieben. Sie hat ihn ändern lassen und trägt ihn. Neben dem eigenen. Und dreht an beiden. Während die Kartoffeln kalt werden. Sie schaut ins Nichts und sieht ihren Mann, nehme ich an. Denkt daran, wie es war in den Wochen vor seinem Tod. Vielleicht schmerzhaft. Oder nicht bei Sinnen. Und fragt sich, wo er jetzt ist. Im Grab natürlich. Aber sonst? Ist er nur in der Erde oder auch woanders? Menschen sind nicht einfach weg. Das lässt Gott nicht zu. Wer Menschen will, lässt sie nicht verschwinden. Holt sie zu sich. Sie dreht und dreht an den Ringen. Schaut ins Weite sieht auf nichts. Oder in den Himmel, wer weiß. Auf einmal lächelt sie. Vielleicht fällt ihr ein, was ihr Mann mal gesagt hat. Worüber er lachte. Was sie an ihm geärgert hat. Was er für Schuhe hatte. Alles fällt ihr ein, weil sie die Ringe dreht. Und plötzlich aufsteht vom Tisch. Ohne zu essen. Womöglich will sie zum Friedhof. Macht dort etwas Laub weg. Schaut am Grab auf die Erde. Und sagt zu ihm: Hoffentlich geht es dir gut, jetzt. Ohne Leid, ohne Tränen.

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