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Der Himmel erkennt mich schon
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Der Himmel erkennt mich schon

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Vorgestern war es soweit. Nach vier Jahren Zögern. Kai hat sich hingesetzt und den Ausweis ausfüllt. Ganz feierlich war ihm zumute. Ein bisschen Herzklopfen hatte er auch. Es musste aber sein. Vier Jahre hat er gezögert; nein, besser: gezaudert. Soll ich oder soll ich nicht?, war immer die Frage. Schon lange liegt ein Ausweis zum Spenden der Organe in seiner Schublade. Kai weiß das. Aber er hatte immer ein komisches Gefühl. Machte einen Bogen um den Ausweis. Jetzt reden sie wieder davon. In Rundfunk und Fernsehen. Es gibt zu wenige Spender, heißt es. Viele warten Jahre auf Organe zum Weiterleben. Bald soll das vielleicht vorbei sein mit dem freiwilligen Spenden. Dann muss man ausdrücklich dagegen sein. Da merkte Kai, dass er genauso ist wie viele. Einfach liegen lassen, nicht daran denken.

Dann aber war es vorbei mit dem Zaudern. Vorgestern. Kai nimmt den Ausweis, füllt ihn aus und steckt ihn in die Tasche. Die hat er immer dabei. Kai ist Kraftfahrer. Fährt viel herum und erlebt einiges. Ich will nicht mehr zaudern, hat er sich gesagt. Das komische Gefühl hat mit dem Tod zu tun. Das versteht man. Und auch wieder nicht. Das alles geht Kai durch den Sinn, als er seinen Namen auf den Ausweis schreibt. Warum denn nicht an den Tod denken. Sollte man schon mal mit Ende vierzig, sagt er sich. Und: nicht mehr zaudern. Klar sein, eine Haltung haben. Die hat er jetzt. Und ist auch erleichtert. Der Himmel erkennt mich schon, denkt Kai. Gott schaut nur auf meinen Geist. Vom Körper kann ich etwas abgeben. Vielleicht freut sich dann jemand.

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