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Der Ernstfall des Menschen
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Der Ernstfall des Menschen

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Er hat gütige Augen, blickt aber auch mal streng. Das liegt an seinem Beruf. Er ist Arzt. Ein guter. Nur hin und wieder böse, sagen andere. Er leitet eine Klinik für Frauen. Vor siebzig Jahren war das*. Im Film: Gottes Werk und Teufels Beitrag, einer wahren Geschichte. In der Klinik kommen Kinder zur Welt, die unerwünscht sind. Sie können adoptiert werden. Oder Kinder kommen erst gar nicht zur Welt. Der Doktor unterbricht Schwangerschaften. Das ist verboten. Er hilft trotzdem, schaut aber streng. Der Doktor liebt nämlich Kinder. Wer nicht adoptiert wird, wird in seiner Klinik groß. Dort sind zwei Schlafsäle. Einer für Jungen, einer für Mädchen. Abends geht der Doktor ins Jungenzimmer und liest eine Geschichte vor. Ihm tun Kinder leid, die niemand haben will. Er sagt ihnen: Die Besten will niemand. Darum seid ihr hier. Dann geht er zur großen Tür und macht das Licht aus. Bevor es dunkel wird, sagt er noch: Gute Nacht, ihr Prinzen; gute Nacht, ihr Könige.

So sehr liebt er die Kinder. Eigentlich wünscht er allen eine Familie. Es soll ihnen gut gehen im trauten Heim. Aber so ist die Welt nicht, weiß der Doktor. Und will an einer Stelle, an einem winzigen Ort, die Welt besser machen. Wärmer, gütiger. Dazu muss er auch streng blicken. Wenn Kinder jammern. Manchmal kommen Ehepaare und suchen ein Kind. Alle putzen sich heraus. zeigen sich von ihrer besten Seite. Der Doktor hat Angst vor diesen Tagen. Wieder Kinder, die zurückbleiben. Am Abend davor nimmt er ein Rauschmittel, damit er überhaupt schlafen kann. Am Tag tut er frisch und munter. Freut sich für den Jungen, der mitgenommen wird. Und tröstet die zwanzig, die zurückbleiben: Die Besten will immer niemand, sagt er; und Ihr seid eben die Besten.

Der Doktor will nützlich sein. Einmal will er sogar noch mehr. Und sagt:

Man kommt manchmal in die Lage, Gott zu spielen. Dann soll man es auch tun. Der Ernstfall des Menschen, wenn man entscheiden muss: Das kranke Kind behalten oder weggeben? Die Eltern Zuhause pflegen oder ins Heim geben? Die Liebe beenden oder nicht? Man ist dann wie Gott. Entscheidet über Leben. Und muss es auch tun. Ausweichen geht nicht, kneifen auch nicht. Also entscheidet man. Und weiß doch: Ich muss, ja; aber ich brauche Gottes Hilfe. Er ist meine Stärke.

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