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Den Kopf klar kriegen
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Den Kopf klar kriegen

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Der Kopf liegt schwer wie Blei auf dem Kissen. Keine Ahnung, wie ich ihn heben soll. Tausend Gedanken haben mich wach gehalten und die Nacht zur Tortur gemacht. So müde mein ganzer Körper auch war, mein Kopf hat keine Ruhe gegeben. Was für ein Start in den Tag… Ich schleppe mein müdes Haupt ins Bad – erst mal duschen, Wasser drüber lassen und hoffen, dass sich dadurch mehr Klarheit einstellt.

Wenn der Schädel brummt, ist der ganze Mensch schachmatt gesetzt. In der Symbolwelt der Bibel steht der Kopf für die ganze Person, den ganzen Menschen. Stimmt ja auch: Einer legt seinen Kopf auf die Schulter des anderen. Zum Beispiel ein Kind, das sich an der Schulter des Vaters oder der Oma ein bisschen ausruhen will. Oder bei einem Rendezvous zwischen Liebenden. Der Kopf des anderen auf meiner Schulter, das ist ein Vertrauensbeweis. Das bedeutet: Bei dir muss ich mich nicht ständig be-haupt-en. Dir kann ich mich von Kopf bis Fuß anvertrauen.

Der Kopf ist das ranghöchste Glied des Körpers. Deshalb wird er besonders geehrt. Die Häupter von Propheten und Königen werden gesalbt oder gekrönt. Bei der Taufe wird im Namen des dreieinigen Gottes dreimal Wasser über den Kopf des Täuflings gegossen – ein Zeichen dafür, dass der ganze Mensch zu Gott gehört. Vom Scheitel bis zur Sohle sind wir im Leben wie im Tod von Gott umfangen und bei ihm geborgen.

Wie es einem Menschen ergeht oder wie es in ihm aussieht, spielt sich im und am Kopf ab. Man rauft sich die Haare vor Wut, vor Nervosität oder vor Trauer. Eine Verstimmung lässt sich am Gesicht ablesen. Es gehört schon einige Verstellungskunst dazu, wenn man gute Miene zum bösen Spiel machen will. Wenn etwas gründlich schief gelaufen ist und der Chef oder die Chefin ein großes Donnerwetter über einen ergehen lässt, zieht man den Kopf ein, bis die Gefahr vorüber ist, und geht gesenkten Hauptes aus dem Raum. Der Kopf ist die erste Adresse für zwischenmenschliche Kontaktaufnahme. Es ist seltsam, wenn mir jemand nicht ins Gesicht schauen kann. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht dagegen ist eine Wohltat, weil man nicht herumdruckst, sondern sich unverstellt Erfreuliches oder Beschwerliches auf den Kopf zusagen kann.

„Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!“ So wird in vielen Psalmen zu Gott gebetet. Wenn Gott sein Angesicht einem Menschen freundlich zuwendet, dann lebt ein Mensch auf, dann beginnt sein Gesicht zu leuchten. Gottes zugewandtes Angesicht bedeutet Lebensenergie und liebevolle Begleitung. Eines der schönsten Segensworte in der Bibel geht so: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ (3. Mose 6,22-27)

„Gott, lass dein Angesicht über mir leuchten!“, denke ich vor meinem Badezimmerspiegel mit immer noch etwas schwerem, aber mittlerweile gewaschenem Kopf. Lass dein Angesicht über mir leuchten wie ein Stern, der mich aus dem Morgengrauen in den Tag hinein leitet.

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