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Das Märchen vom frischen Wind
Bildquelle: Stefano Ferrario/Pixabay

Das Märchen vom frischen Wind

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Am liebsten gehe ich in Rosis Laden bei mir gleich um die Ecke. Da gibt es fast alles: Zeitungen, Getränke, Schokolade, auch mal ein Schwätzchen. Und eins gibt es, was

es sonst kaum noch gibt: In Rosis Laden ist die Zeit stehen geblieben, wie man so sagt. Alles sieht immer gleich aus. Alles steht an dem Platz, an dem es auch gestern gestanden hat und seit Jahren steht. Mit geschlossenen Augen würde man die Zeitung finden oder den Schokoriegel. Alles am gleichen Platz. Alles wie immer.

Wie langweilig, sagen manche, nie ein frischer Wind. Ich denke das nicht. Zeit darf ruhig einmal stehen bleiben. Es stimmt ja nicht, Zeit kann gar nicht stehen bleiben. Aber ich fühle es so. Wenn in anderen Geschäften alle paar Monate alles umgeräumt wird, damit ich andere Waren sehe und dadurch mehr kaufe, steht bei Rosi alles am gleichen Platz. Sie setzt nicht auf Verwirrung, damit ich mehr Geld ausgebe, als ich will. Bei Rosi gibt es nicht sieben Sorten Kaffee, sondern nur zwei. Und auch nicht elf Brötchensorten, bei denen die Verkäuferinnen kaum noch die Namen wissen. Es bleibt einfach alles beim Alten. Die Zeit bleibt stehen, sozusagen.

Das tut gut. Wenn man älter wird, schätzt man mehr das Vertraute. Außerdem ist vieles in der Welt so schnell geworden, dass man oft nicht mehr mitkommt. Immer neue Verpackungen, Preise und Gewichte fürs Gleiche; immer mehr Auswahl, bis man den Überblick verliert, verlieren soll; immer geheimnisvollere Namen schon bei Wurst, Käse und Brot. Wenn man sich gerade an etwas gewöhnt hat, wird es morgen weggeschafft, um Platz zu haben für Neues. Die Wirrnis ist Absicht. Wer keinen Überblick mehr hat, kauft mehr. Und wenn nur aus Versehen, Hauptsache mehr. Ein Gefühl ist das, als drehe sich die Welt immer schneller und man selbst werde schwindelig dabei und Gott verschwinde gleich mit. Dann muss man die Welt einfach mal anhalten und die Zeit gleich mit. Auch Jüngere überschätzen sich oft und tun so, als kämen sie mit. In Wahrheit werden schon Kinder immer nervöser und flüchtiger. Da tut es gut, wenn sich mal nichts dreht und es Wochen gibt, wo alles einfach an seinem Platz bleibt. Das bekommt der Seele. Die Seele will nicht, dass Gott und Welt jeden Tag neu erfunden werden. Sie liebt es, wenn die Zeit mal stehen bleibt. Und Gott gleich mit. Wie in Rosis Laden um die Ecke. Das hat etwas Ruhiges, Erhabenes. Ein Gefühl von Ewigkeit. 

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