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Das "echte" Leben
Bild: Gerd Altmann/Pixabay

Das "echte" Leben

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Schon zweimal verschoben, der lang ersehnte Urlaub in den USA und nun schon wieder – wegen Corona ist die Einreise nicht möglich.

Schon lang erträumt, der Aufenthalt mit Freunden auf dem Hausboot in Frankreich. Jetzt machen die Freunde einen Rückzieher, aus Furcht, das Virus einzufangen und weiterzutragen.

"Ich will zurück ins echte Leben!"

Ich will zurück ins echte Leben! So rufen viele, die nicht mehr eingeschränkt sein wollen. Verlässlich planen können. Endlich wieder unter Leute. Endlich weg vom Bildschirm. Am Strand sein. Ins Restaurant gehen. Kino und Theater erleben.

In einer Wochenzeitung lese ich: "Was ein Kind mit neun Jahren nicht erlebt, kann es mit zehn Jahren nicht nachholen." Kinder haben angeblich ein Jahr verloren, das ihnen für ihre geistige Entwicklung fehlt.

Welchen Stimmen kann man glauben?

Manchmal frage ich mich: Welchen Stimmen kann ich glauben? Jede und jeder von uns hat die Einschränkungen unterschiedlich erlebt und sie haben auch verschiedene Spuren hinterlassen. Und Meinungen ändern sich. Eben noch wurden die vielen sozialen Kontakte vermisst. Jetzt werden es schon wieder zu viele.

Der Terminkalender füllt sich. Die Bedürfnisse sind unterschiedlich. Doch mir bleibt der Satz im Gedächtnis: ich will zurück ins echte Leben. Waren die letzten anderthalb Jahre unecht? Und: Was fühlt sich "echt" im Leben an? Analoges Leben statt digitalem Austausch?

Jeder einzelne Tag ist meine Lebenszeit

Ich kann verstehen, dass viele Menschen im vergangenen Jahr etwas vermisst oder auch gelitten haben unter den Pandemiebedingungen. Gesundheitliche Beeinträchtigungen oder gar der Verlust von Menschen sind nicht kleinzureden. Auch wirtschaftliche Folgen sind für einzelne Menschen gravierend. Aber dieses Leben war echt. Egal unter welchen Bedingungen. Es ist nämlich jeder Tag meine Lebenszeit - auch, wenn unsere Pläne nicht verwirklicht werden konnten. Und verloren ist sie schon gar nicht, nur anders gefüllt. Wir können oft erst im Nachhinein sagen, was sie uns bedeutet hat.

Durch Planänderung neue Erfahrungen

Ein Mann, erzählt von einer ganz anderen Erfahrung, die seine kurzfristigen Pläne völlig ausgehebelt hat.

Während des Studiums hat er einen schweren Autounfall mit vielen Knochenbrüchen, auch am Hals. Monatelanger Krankenhausaufenthalt und wahnsinnige Schmerzen. Nach einem dreiviertel Jahr ist dann der letzte Gips endlich ab.

Er wird gefragt: "Waren Sie verzweifelt?" Er antwortet: "Ich war unsicher, wie es ausgeht." Aber auch diese Monate im Krankenhaus waren nicht verloren. Ich habe neu schätzen gelernt, was mich im Leben in Krisen trägt:
"Meine Familie gibt mir Halt. Und ja, beten tue ich auch."

Andere und Gott sind für mich

Ja, es gibt wirklich nichts Besseres, als das Gefühl zu haben, dass andere Menschen und Gott für mich da sind. Das ist auch Teil meines Glaubens.
Und so bin ich überzeugt: Jeden Tag lebe ich in echt und kein Tag ist verloren.

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