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Bekleckert
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Bekleckert

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

„Es gibt Leute, bei denen kann man am Hemd ablesen, was diese Woche auf dem Speiseplan steht“, mache ich mich in der Kantine über einen Mann am Nachbartisch lustig, der sich bekleckert hat. Flatsch! Meine Krawatte fällt in die Tomatensoße auf meinem Teller. Nun sitze ich bekleckert da. Meine Kollegen lachen. Und ich denke: Danke, lieber Gott, für diese prompte Lektion!

Man rutscht schnell hinein in das Denken, sich selbst für besser zu halten als andere. Dazu erzählt Jesus eine Geschichte. Zwei Menschen beten im Tempel. Der erste ist ein frommer Mensch, der zweite ein Zöllner. Zöllner sind zu diesen Zeiten das, was man heute Heuschrecken nennt. Sie treiben für die Römer Geld ein und bereichern sich dabei selbst. Der erste, der Fromme, zählt Gott auf, was er alles Gutes tut: Er fastet zweimal pro Woche. Er spendet zehn Prozent von allem, was er verdient. Wirklich ein guter Mensch.
Sein Problem ist: Er hält sich für zu gut. Denn er betet: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, zum Beispiel nicht wie dieser Zöllner da hinten.“ Unglaublich, dass sich so einer überhaupt in den Tempel unter die Leute traut.
Aber der Zöllner betet ganz anders. Er glaubt: Gott vergibt sogar einem wie ihm. Sein Gebet ist kurz: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Er zeigt nicht mit dem Finger auf andere, die noch schlechter sind als er, die bösen Römer, die bösen Umstände. Er schlägt sich an die eigene Brust und sagt: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Er hofft, dass Gott das Unmögliche möglich macht und ihm vergibt. Von dem Zöllner sagt Jesus: Der betet, wie es Gott gefällt – der fromme Mann nicht.

Nun könnte ich am Ende der Geschichte aufatmen: „Ich bin ja Gott sei Dank nicht so wie dieser Fromme! Ich denke nicht so verächtlich über andere.“ Tja, und damit würde ich mit dem Finger auf den Frommen und dessen befleckte Weste zeigen. Flatsch! Meine Krawatte läge schon wieder in der Tomatensoße.

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