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Armut
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Armut

Winfried Engel
Ein Beitrag von

Winfried Engel,

Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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„Wie gut muss es erst den Reichen gehen, wenn es uns Armen schon so gut geht!“ Mit diesem lockeren Spruch pflegte mein inzwischen verstorbener Schwiegervater Situationen zu kommentieren, wo wir gesellig beisammen saßen, gut aßen und tranken und es uns, wie er sagte, gut gehen ließen. Ein lockerer Spruch, zugegeben, von uns ebenso locker hingenommen. Sicher nicht wirklich ernst gemeint, denn dass wir, die wir da zusammen saßen, uns zu den Armen zählten, das hätte wohl niemand aus der Runde ernsthaft bestätigt. Dieser Spruch hatte jedoch einen tieferen Sinn. Er hat uns immer wieder darauf hingewiesen, dass es uns wirklich gut geht, dass in unserer Runde von Armut – Gott sei Dank – niemand reden musste. Dabei wussten wir alle doch nur zu gut, dass es Armut auf dieser Welt gibt. Nicht nur in fernen Ländern, sondern auch bei uns in Deutschland. Auch hier gibt es Armut, gibt es Menschen, die sich täglich sorgen müssen, dass sie über die Runden kommen. Geht man im Internet auf die Seiten des Deutschen Caritasverbandes, dann bekommt man Informationen, die das Problem anschaulich machen. Dort werden die Gruppen genannt, die am meisten von Armut betroffen sind. „Hinter diesen Zahlen verbergen sich viele Einzelschicksale. Ohne staatliche Unterstützung geht bei diesen Menschen wenig bis gar nichts.“[1], soder Caritasverband. Wenn ich das lese, kommt mir der lockere Spruch meines Schwiegervaters doch etwas schwer über die Lippen. Mich als Armen zu bezeichnen, könnte leicht missverstanden werden, als ob ich wirkliche Armut nicht wahrnehme, geschweige denn ernst nehme. Doch ich will den lockeren Spruch mal positiv wenden: Indem ich mir bewusst werde, wie gut es mir geht, werde ich sensibler für die Mitmenschen, denen es nicht so geht. Mir jedenfalls geht das so. Und das war auch das, was mein Schwiegervater sagen wollte: Seid euch bewusst, dass es euch gut geht! Das ist keine Selbstverständlichkeit! Andere sind nicht so gut dran! Ich persönlich verspüre eine große Dankbarkeit für alles, was mir geschenkt ist. Und ich nehme Appelle, die um Unterstützung für Menschen in Not werben, aufmerksam wahr. Meine Bereitschaft zum Teilen steigt mit dem Gefühl der Dankbarkeit, weiß ich doch, dass ich zwar für meine jetzige Lebenssituation gearbeitet, dass ich mir Vieles verdient habe, dass es aber letztlich nicht von mir abhängt, ob ich mein Verdientes auch wirklich nutzen, ja genießen kann. Dazu gehören Faktoren wie Gesundheit, ein gutes Umfeld, auch Glück, wie Viele sagen würden. Und das alles wird mir geschenkt.

Das Entscheidende in meinem Leben kann ich nicht verdienen, es wird mir geschenkt: von anderen Menschen, die mir zur Seite stehen, die es gut mit mir meinen, von Entwicklungen, die ich letztlich nicht beeinflussen kann. Es gibt eine Erzählung in der Bibel, die dies drastisch vor Augen führt. Da ist ein Mann, der eine reiche Ernte erwartet. Ihn treibt die Sorge um, wo er denn diesen Reichtum unterbringen soll. Da entschließt er sich, die alten Scheunen abzureißen und neue, größere zu bauen. So glaubt er, einen Vorrat anlegen zu können, der für viele Jahre reicht und ihm ein sorgloses Leben beschert. Da spricht Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern! (Lk 12,13-21). Diese Geschichte erzählt Jesus, als er von einem Mann gebeten wird, seinen Bruder zum Teilen des Erbes aufzufordern. Mit seiner Antwort macht Jesus deutlich, dass Reichtum nicht alles ist und wie abhängig wir Menschen von Entwicklungen sind, die wir nicht in der Hand haben. Menschlicher Reichtum spielt dabei keine Rolle mehr, denn auch der reichste Mensch kann sich keinen zusätzlichen Tag in seinem Leben kaufen. Noch deutlicher wird die Bibel, wenn es um die Frage geht, was man tun muss, um ins Ewige Leben zu gelangen. Als Jesus von einem Mann danach gefragt wird, ist seine Antwort ganz einfach: „Du kennst doch die Gebote“, antwortet er, und er zählt die Wichtigsten auf. Als der Mann darauf antwortet, dass er alle die von Jugend an befolgt hat, sagt Jesus: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Da ging der Mann traurig weg, so geht die Erzählung weiter, denn er hatte ein großes Vermögen. Und dann setzt Jesus noch einen drauf, indem er zu seinen Begleitern sagt: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! … Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Da drängt sich die Frage auf, die auch Jesu Begleiter stellen: „Wer kann dann noch gerettet werden?“ (Mk 10,17-31) Wenn ich diesen Bibelstellen folge, dann scheint Armut einen ganz anderen Stellenwert zu bekommen. Sie wird geradezu zu dem Weg, der in den Himmel führt. Wenn ich reich bin, habe ich da wenig Chancen. Und wenn Jesus in der Bergpredigt noch betont: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“, (Mt 5,3) dann scheint die Sache klar. Doch diese Deutung könnte man auch als zynisch bezeichnen: Werde arm, dann kommst du in den Himmel. Armut ist ja gar nicht schlimm, denn sie führt geradezu in die Herrlichkeit Gottes. Da werden die Armen dann für all das entschädigt, was sie auf Erden an Entbehrungen erdulden mussten. Also können sie doch jetzt zufrieden sein, denn das Schönere kommt ja noch. – Wie aber würde sich wohl jemand, der in Armut lebt, fühlen, wenn er solche Sätze hört? Sollte das wirklich die Botschaft der Bibel sein?

Nimm deine Armut an, denn sie führt dich geradezu in den Himmel. Nein, das ist nicht die Botschaft der Bibel. Im Gegenteil! Papst Franziskus wird nicht müde, dies immer wieder zu betonen. Für ihn haben die Armen eine zentrale Bedeutung für das Kirche- und Christsein in heutiger Zeit. Seit Beginn seiner Amtszeit betont er dies immer wieder. Der heutige Sonntag wurde von Papst Franziskus zum „Welttag der Armen“ erklärt. So hat er es in seinem Apostolischen Schreiben Misericordia et misera (Die Barmherzigkeit und die Erbärmlichen)[2] festgelegt. Der heutige Sonntag soll nach seinem Wunsch „ein Tag sein, der den Gemeinden und jedem Getauften hilft, darüber nachzudenken, wie die Armut ein Herzensanliegen des Evangeliums ist und dass es keine Gerechtigkeit noch sozialen Frieden geben kann, solange die Armut (Lazarus) vor der Tür unseres Hauses liegt.“[3] So sagt er es in seinem Schreiben. Damit werden die Armen zur Herausforderung für jeden Christen. Wer sie ignoriert, wer sich nicht um sie sorgt, wer nicht mit ihnen teilt, der hat keine Chance, in das Himmelreich zu kommen. Nicht Reichtum als solcher ist die Hürde, sondern die Frage, wie ich damit umgehe. Wenn Reichtum wie in der Geschichte vom reichen Bauern zum bestimmenden Faktor im Leben wird, dann verbaut er den Weg in das Himmelreich. Entscheidend ist also nicht, ob ich reich bin oder arm, entscheidend ist, ob Reichtum, oder sagen wir besser, die materiellen Dinge, wie viel ich davon auch haben mag, mein Denken und meinen Alltag bestimmen. Da liegt jeder Gedanke, die christliche Botschaft würde Armut verharmlosen und gar als Weg in das Himmelreich bezeichnen, fern. Im Gegenteil: Wenn ich Armut ignoriere, wenn ich mich nicht um Menschen in Not sorge, wenn ich nicht bereit bin zum Teilen, dann ist der Weg in den Himmel verstellt, dann gilt: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“     

„Wie gut muss es erst den Reichen gehen, wenn es uns Armen schon so gut geht!“ Ich möchte doch noch einmal den lockeren Spruch meines Schwiegervaters aufgreifen. Ich erinnere mich nämlich gern daran, weil ich seine dahinter stehende Grundeinstellung kenne. Sie war von tiefer Dankbarkeit geprägt gegenüber dem, was das Leben ihm beschert hat. Er war nicht mit Reichtum gesegnet, aber er hatte sein Auskommen. Und so wirkte er immer zufrieden und, auch das habe ich in bleibender Erinnerung, er war immer hilfsbereit, wenn andere ihn brauchten. Für mich ist seine Aussage eine ständige Mahnung mir bewusst zu sein, wie wenig Verdienst darin steckt, wenn es mir im Leben gut geht. Und dass mein Engagement für die, die in Armut leben, für mein Christsein in der heutigen Welt von entscheidender Bedeutung ist.

 


[1]https://www.caritas.de/kampagne2012/fakten/armut-ist-keine-randerscheinung

[2] Apostolisches Schreiben MISERICORDIA ET MISERA vom 20. November 2016

[3] Apostolisches Schreiben MISERICORDIA ET MISERA, Kap. 21

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