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Alles hat seine Zeit
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Alles hat seine Zeit

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Eine Feier zur Verabschiedung in den Ruhestand. Im großen Garten mit Bienenwiese zwitschern die Vögel, der Kaffee dampft, der Kuchen lockt in unterschiedlichen Formen mit den leckersten Früchten. Die Gäste sind fröhlich. Sie reden, gestikulieren und hören zu.

„Wir sind seit sechs Wochen zusammen“

Ein Pärchen sitzt tiefenentspannt dabei, hält Händchen, schaut sich verliebt an. Die beiden Turteltauben sind im mittleren Lebensalter. Ihn kenne ich, sie nicht. Am Ende kommen wir ins Gespräch. „Wir sind seit sechs Wochen zusammen“, sagt sie. „Es hat mich selbst überrascht, dass ich mich verliebt habe. Mein Mann ist ja erst vor sieben Monaten gestorben.“

Die gesellschaftlichen Normen haben sich geändert

Erst! Das ist relativ. Früher gab es ein Trauerjahr, das strengen Regeln unterlag. Unter anderem trugen die Trauernden ausschließlich schwarze Kleidung. Die Zeiten haben sich geändert, gesellschaftliche Normen auch. Jeder Mensch trauert anders. Niemand kann einem anderem vorschreiben, wie er oder sie zu trauern hat.

Nichts ist von Dauer

Kann man denn trauern und verliebt sein? Alles hat seine Zeit, steht in der Bibel. Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. In diesen Worten aus der Bibel klingt für mich ein wenig Melancholie durch, nach dem Motto: Alles hat mal ein Ende, das Schöne wie das Schwere, die Liebe und die Enttäuschung, der Streit und der Friede. Nichts ist von Dauer. Es bleibt, dass nichts bleibend ist.

Die Grenzen zwischen Weinen und Lachen verlaufen fließend

Nach meiner Lebenserfahrung verlaufen die Grenzen fließend. Wer lacht, weint auch manchmal noch ein bisschen – an einem schlechten Tag. Wer zetert und klagt, kann trotzdem schon ein Tänzchen wagen – an einem guten Tag.

Wer trauert, kann sich auch verlieben

Wer trauert, kann durchaus verliebt sein. Denn auch, wenn ich mich einem anderen Menschen zuwende, ist der Verstorbene nicht vergessen. Wie schön, wenn der neue Partner dieses Erinnern versteht. Wenn die Gedanken, das Gedenken an den verstorbenen Ehemann Platz findet in der neuen Beziehung. Wenn sie vielleicht mit ihm darüber reden kann, wie die Beziehung war, was sie ausgemacht hat. Wenn der neue Partner nicht denkt, dass ihm dadurch etwas weggenommen wird, sich vielmehr bereichert fühlt. Und vielleicht würde sich der Verstorbene freuen, dass die Zurückgelassene sich nicht grämt. Dass sie nicht alleine ist in ihrem Kummer. Dass sie jemanden hat, mit dem sie ihr Leben teilen kann. Und ihre Erinnerungen an ihn. Ich jedenfalls freue mich für die beiden frisch Verliebten und wünsche ihnen alles Gute.

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