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Wunderbares Senfkorn
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Wunderbares Senfkorn

Harald Seredzun
Ein Beitrag von

Harald Seredzun,

Katholischer Pfarrvikar, Pfarrei Sankt Maria Magdalena, Rheinhessen

Wenn der 17. Juni auf einen Sonntag fiel, so wie heute, dann waren wir als Schulkinder früher traurig. Da ging uns ein schulfreier Tag verloren. Der 17. Juni war ein Feiertag. Der Tag der deutschen Einheit. Zum Gedenken an den Aufstand der Arbeiterschaft gegen das Regime in der DDR 1957. Wir Schulkinder kannten zwar den Grund für den Feiertag, aber verstanden haben wir ihn eigentlich noch nicht. Später, während meiner Studienzeit in Mainz, stand ich manchmal vor dem Denkmal, das an diesen Tag erinnerte. Unweit des Rheins, mit Blick auf den Dom – ein Gedenken an die Menschen, die damals ihren Kampf um Freiheit mit dem Leben bezahlt haben. Der 17. Juni, oft ein erster warmer Sommertag, teilte schnell das Schicksal so vieler Feiertage. Der Grund für den Feiertag rückte im Bewusstsein vieler stark in den Hintergrund. Das Wetter verlockte zu einem Ausflug ins Grüne. Dass die deutsche Einheit jemals Wirklichkeit werden könnte, daran glaubten wohl die meisten ohnehin nicht mehr. Selbst bei manchen Politikern, die pflichtgemäß ihre Reden hielten, war dieser Glaube wohl recht schwach geworden. Und dann kam das Wunder – ich nenne es so – das Wunder der deutschen Einheit. Ein Wunder, das man im Nachhinein gut beschreiben und erklären kann. Ein Geschehen, das sich historisch analysieren lässt. Ein Ereignis, das aber dennoch im wahrsten Sinn des Wortes wunderbar bleibt.
 

Der 17. Juni ist kein Feiertag mehr. Er wurde vom 3. Oktober abgelöst. Und auch wenn die Bilder vom Mauerfall und der Wiedervereinigung immer noch Emotionen aufleben lassen, man hat sich, so scheint mir, an das Wunder gewöhnt und sieht oft mehr die Probleme, die es mit sich gebracht hat.

Wunder – durchaus ein Wort unserer Alltagssprache. „Wunder gibt es immer wieder“ sang einst Katja Ebstein und landete damit einen Hit. Es wäre ein Wunder, wenn am heutigen Tag sehr viele des 17. Juni 1953 gedenken würden, könnte man ein wenig nachdenklich sagen. Kein Wunder, wenn ein schöner Sommertag die Gemüter mehr bewegt als ein ernstes Gedenken, könnte man fast lakonisch hinzufügen.

Wunder – ein Wort, das natürlich auch immer in einem religiösen Kontext seine Bedeutung hat. Wundererzählungen gibt es schließlich in der Bibel mehrere. In dem Evangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten verkündet wird, ist in gewisser Weise auch von einem Wunder die Rede, von einem „Wunder der Natur“. Es erzählt vom kleinen Senfkorn, aus dem ein großes Gewächs hervorgeht. „Wunder der Natur“ – ein Widerspruch in sich? Das Natürliche ist doch das, was man erklären, verstehen kann. Ein Wunder dagegen ist nach verbreitetem Verständnis etwas Übernatürliches, das man nicht erklären kann. Die Bibel kennt eine solche Definition des Wortes Wunder nicht. Und auch im alltäglichen Sprachgebrauch nehmen wir es mit dem Wort Wunder nicht so genau. Wunder der Geschichte, Wunder der Technik, Wunder der Natur – alles erklärbare Phänomene. Wie dem auch sei, die Erzählung vom kleinen Senfkorn, aus dem so Großes hervorgeht, hat für mich etwas Wunderbares.

„Jesus sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn…

Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen…? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern…Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“ (vgl. Markus 4,26 f.)

Wenn ich dieses Gleichnis höre, denke ich bei mir: Mein lieber Herr Jesus, so hättest du uns das Gleichnis heutzutage nicht erzählen können – „Der Same keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie“ – von wegen! Das weiß der Landwirt sehr genau, und wer sich nur ein bisschen an den Biologieunterricht erinnern kann, weiß es auch. Und er weiß, dass die Erde nicht ohne weiteres von selbst die Frucht hervorbringt, dass man sie bearbeiten und düngen muss, um eine gute Ernte einzufahren. Kurzum: Man weiß, was nötig ist, damit der Same wächst. Außerdem werde ich auch deshalb stutzig: Das Senfkorn soll das kleinste aller Samenkörner sein und das Gewächs das größte der Gewächse? Das Senfkorn misst einen Millimeter im Durchschnitt, und das Gewächs erreicht eine Höhe von zweieinhalb Meter. Jeder Apfel- oder Olivenbaum wird größer. Aber gut, das wussten natürlich auch Jesus und seine Zuhörer. Es geht ja beim Gleichnis nicht um alle möglichen Samenkörner und alle möglichen Gewächse, es geht um Früchte, die auf dem Feld angebaut werden. Und da passt es dann schon. Getreidekörner sind deutlich größer als das Senfkorn, aber sie wachsen nicht so hoch. Es wäre wohl für Jesus kein Problem gewesen, ein Gleichnis zu erzählen, bei dem er auch den heutigen Hörer mit seinen Kenntnissen abgeholt hätte. Die Botschaft ist ohnehin einfach: Aus Kleinem kann etwas Großes werden.

Für die Urchristen war diese Botschaft mehr als ermutigend. Sie waren eine kleine Gemeinschaft, die ersten Christengemeinden waren Minderheiten, die in ihrem Umfeld keine Rolle spielten, was politische Macht anging. Sie eigneten sich bestenfalls – oder soll ich sagen schlimmstenfalls? – für die Rolle des Sündenbocks, wenn man gesellschaftliche Probleme einer Minderheit anlasten wollte. Und so kam es ja auch von Anfang an immer wieder zu Christenverfolgungen. Habt keine Angst, sagt die Botschaft vom Senfkorn, ihr werdet nicht ausgetilgt, ihr werdet vielmehr wachsen, ihr werdet euch in der Welt ausbreiten. Und das wird nicht in erster Linie euer Werk sein. Ihr müsst auch nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen. Ihr braucht gar nicht zu wissen, wie es letztlich zur Ausbreitung des Evangeliums kommt. Sät nur den Samen der Botschaft aus, der Same wird Frucht bringen, die Ernte wird groß sein. Aber: Das ist nicht einfach das Ergebnis eurer Leistung, eurer Anstrengung, so sehr sie gefordert ist. Die große Ernte ist nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk.

Das ist die Botschaft: Gott handelt nicht ohne den Menschen, aber auf sein Wirken im Menschen kommt es letztlich an. „Ich habe keine anderen Arme als die euren“ – so steht unter jenem Kruzifix, bei dem der Gekreuzigte keine Arme hat. Doch das macht ihn nicht machtlos. Denn nichts kann die Macht der Liebe entmachten. Gott will, dass die Menschen das Menschenmögliche tun, dass sie mit all ihren Kräften anpacken, wenn es um Gerechtigkeit und Friede und um all das geht, was die Welt menschenfreundlicher machen soll. Gott handelt nicht ohne den Menschen. Aber dennoch ist es nicht einfach Menschenwerk, wenn Großes gelingt. Sät den Samen der Botschaft des Evangeliums aus, in Wort und Tat, aber vertraut dabei nicht in erster Linie auf euer Tun. Vertraut darauf, dass Gott durch euer Tun Größeres bewirkt, als ihr für möglich haltet.

Immer wieder wird die Situation der Urchristen verglichen mit der Situation der Christen heutzutage hierzulande. Die so genannte Volkskirche ist weitgehend verschwunden. Dass ein ganzes Volk sich zum christlichen Glauben bekennt, dass christliche Kultur und Werte den Gang der Gesellschaft bestimmen, das ist Vergangenheit. Es sieht manchmal fast so aus, als sei das so genannte christliche Abendland in die Geschichtsbücher verbannt. Das kleine Senfkorn – das Bild scheint für die heutige Situation des Christentums immer mehr zu passen. Wenn es gelingen würde, die Reevangelisierung, spricht die Wiederbelebung des Christentums in Europa zu bewirken, käme das bestimmt vielen wie ein Wunder der Geschichte vor. Papst Johannes Paul II. hat oft von der Reevangelisierung Europas gesprochen. Er war nach Meinung vieler Historiker auch am Wunder der Wiedervereinigung nicht unbeteiligt. Der Zusammenbruch der diktatorischen Systeme des Ostblocks hat jedenfalls den christlichen Kirchen dort eine Freiheit beschert, von der sie lange nicht zu träumen wagten. Und wenn der neue Mainzer Bischof Peter Kohlgraf zu Beginn seiner Amtszeit das Wort prägte, „die Kirche hat hierzulande ihre Zukunft noch vor sich“, dann klingt das ja zumindest angesichts von Mitgliederzahlen wohl eher wie eine Träumerei. Eine Träumerei, die gewiss nicht in Richtung früherer Machtpositionen geht. Aber: Die Botschaft des Evangeliums kann einer gegenwärtigen und künftigen Gesellschaft Werte vermitteln, die politische Macht nicht ohne weiteres liefert. Und diese Hoffnung möchte ich teilen. Es ist ja eine Aufgabe, die noch zu bewältigen scheint: Jahrzehntelanger Wohlstand will verkraftet werden, moralisch verkraftet werden. Die starken Schultern, die viele erwirtschaften, müssen sicher noch mehr Lasten tragen, noch mehr beitragen zu den gesellschaftlichen Aufgaben. Die Schwachen müssen wohl besser erkennen, dass Anspruchsdenken nicht ausreicht, um eine solidarische Gesellschaft mitzugestalten. Schlicht und einfach gesagt: Wenn nicht Egoismus und das vorrangige Streben nach Wohlstand die Gesellschaft dominieren, sondern die Haltung der Nächstenliebe, dann fände ich das wunderbar.

Das kleine Senfkorn entfaltet eine große Kraft. Das ist auch eine Botschaft für jeden Einzelnen. Es gehört wohl zu den Erfahrungen, die jeder macht, mehr oder weniger, früher oder später: Man sieht sich vor eine Aufgabe gestellt, die mit der eigenen Kraft nicht zu meistern ist. Man befindet sich in einer schwierigen Situation, aus der man anscheinend nicht herauskommen kann. Man möchte die Hoffnung nicht aufgeben, aber man sieht keinen Grund zur Hoffnung mehr. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt der Spruch, und zuletzt stirbt sie eben doch.

Hoffnung ist auch ein Wort, das in der biblischen Botschaft eine bedeutende Rolle spielt. Dabei ist Hoffnung etwas, das tief im Glauben verwurzelt ist. Die Frage ist dann nicht: Was macht mir Hoffnung? Welche Gründe sehe ich, auf die meine Hoffnung aufbauen kann? Hoffnung, so verstanden, ist ja eigentlich eine abhängige Größe. Die Hoffnung ist abhängig von der Einschätzung meiner Lage. Die Hoffnung ist in diesem Sinn nur eine Prognose. Es ist sicher sinnvoll, seine Lage einzuschätzen. Es kann auch sinnvoll sein, eine Prognose zu erstellen, wie meine Situation sich voraussichtlich entwickeln wird.

Hoffnung aus dem Glauben kann aber von all dem ganz unabhängig sein. Hoffnung als unabhängige Größe ist eine Grundhaltung. Sie bedarf keiner günstigen Prognosen. Sie stirbt auch nicht zuletzt. Sie stirbt nie. Sie baut darauf, dass ich nicht allein auf meine Kraft angewiesen bin. Sie hält es für möglich, dass dann, wenn meine Kräfte aufgebraucht sind, mir Kraft zufließen kann. Sie lässt sich vom Vorhersehbaren, Berechenbaren nicht ganz und gar beherrschen. Sie weiß, dass es Unvorhersehbares geben kann. Sie rechnet damit, dass auch schlimme Dinge eine wunderbare Wendung nehmen können. Sie flüchtet keineswegs in Träume, sondern stellt ganz nüchtern fest: Das Unerwartete, das Überraschende ist immer wieder einmal eingetroffen, das Zusammenbrechen schier unüberwindlicher Mauern hat es immer wieder einmal gegeben.

Allerdings ist solche Hoffnung nicht darauf fixiert, dass Wünsche wahr werden. Die für mich am meisten beeindruckende Deutung des Wortes Hoffnung habe ich bei Waclaw Havel gefunden. Er sagte sinngemäß: Hoffnung ist nicht die Erwartung, dass eine Sache gut ausgeht oder so, wie ich es mir wünsche. Hoffnung ist die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, ganz gleich wie es ausgeht.

17. Juni – was die wenigstens nicht zu hoffen wagten, ist eingetreten. War das nur das Ergebnis von mutigen DDR-Bürgern, von richtiger Politik im richtigen Augenblick, von günstigen zeitgeschichtlichen Umständen? Ist es angebracht, von einem Wunder der Geschichte zu sprechen? Waren es vielleicht sogar die Opfer des 17. Juni 1953, die die Welt verändert haben? Der Glaube an die Kraft des Opfers wohnt dem christlichen Glauben inne. Diesen Glauben und die Hoffnung, dass es nicht nur das Menschenmögliche gibt, möchte ich mir gern bewahren. Ich wünsche mir, immer an das Wunder des Senfkorns zu glauben.

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