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Über die Seele
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Über die Seele

Johannes Meier
Ein Beitrag von Johannes Meier, Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel

„Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.“ – Ich mag es sehr, dieses alte Kirchenlied, das heute bestimmt in vielen Gottesdiensten erklingen wird. „Kantate“ heißt der heutige Sonntag im Kirchenkalender. Eine lateinische Aufforderung zum Gotteslob ist das: „Singet!“ – Ganz so, wie es eben Paul Gerhard mit seinem Liedtext formuliert: „Du meine Seele singe...“ – Doch wie kann das gehen? Die Seele singen lassen? – Singt nicht eher der Mund? Oder meinetwegen der Hals? – „Du meine Kehle singe“ müsste es doch wohl eher heißen. Aber wer schon einmal aus vollem Halse diesen strahlenden Choral mitgesungen hat, der kann tatsächlich spüren, was Paul Gerhard meint und dass da eben irgendwie noch etwas ganz anderes zum Klingen kommt, als bloß ein paar mehr oder weniger angespannte Stimmbänder. Irgendetwas in mir drin singt und klingt dann mit, lässt das Herz weit und den Kopf leicht werden. Ja, vielleicht stimmt es: Die Seele singt!

Aber was soll das eigentlich sein – die Seele?

„Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem wir sterben. Jeder von uns. 21 Gramm. Das Gewicht von fünf 5-Cent-Münzen, eines Schokoriegels, das Gewicht eines Kolibris.“ – Mit diesen Worten beginnt der Trailer des Kinofilms „21 Gramm“. Ein vielschichtiges Drama um das Seelenheil unterschiedlicher Menschen, um Schuld und Vergebung, um das Leben, die Liebe und den Tod. Der Filmtitel „21 Gramm“ bezieht sich auf das angebliche „Gewicht der Seele“, das der amerikanische Arzt Duncan MacDougall 1901 in einem Experiment ermittelt haben will. MacDougall war nämlich davon überzeugt, dass die menschliche Seele eine materielle Substanz hat. Wenn die Seele dann im Augenblick des Todes den Körper gen Himmel, Hölle oder Fegefeuer verlässt, müsste dieser doch ein wenig leichter werden, dachte sich der streng gläubige Arzt. Um das zu beweisen, stellte er ein Bett auf vier Waagen, suchte sich sechs Patienten, die an einer schweren Krankheit im Endstadium litten, und maß dann das Gewicht seiner Probanden vor und nach ihrem Ableben. Und wirklich meinte MacDougall, jeweils genau im Moment des Todes einen kleinen Gewichtsverlust festgestellt zu haben. Im Durchschnitt, so hielt er es in seinen Aufzeichnungen fest, seien die Leichen gegenüber den lebendigen Körpern eine Dreiviertelunze leichter gewesen, – und das sind ziemlich genau 21 Gramm. Doch die Ergebnisse variierten stark und die Messgenauigkeit war wohl auch viel zu schlecht. Trotzdem hielt der Arzt an seinen Ideen fest, machte auch noch Experimente mit Hunden, bei denen übrigens keine Gewichtsveränderung festzustellen war, weshalb MacDougall sie also für seelenlos hielt. Später versuchte er – erfolglos -, die menschliche Seele mit einer Art umgebauten Röntgenkamera zu fotografieren. Heute dürfen MacDougalls Versuche getrost als reichlich makabres Werk eines sektiererischen frommen Spinners angesehen werden.

Nein, wiegen kann man sie wohl nicht, die Seele. Und doch will ich die Vorstellung nicht aufgeben, dass sie existiert. Schließlich kann sie manchmal singen, meine Seele!

 

Medizinisch-naturwissenschaftlich lässt sich die Existenz der menschlichen Seele wohl nicht nachweisen. Soweit ich weiß, hat zum Glück kein moderner Wissenschaftler je versucht, die Wiege-Versuche des Duncan MacDougall mit neuer Messtechnik zu wiederholen. Niemand möchte noch ernsthaft „das Gewicht der Seele“ in Gramm bestimmen.

Und doch habe ich in meinem Auto ein ungefähr 60 Zentimeter langes Plastikschild im Ablagefach der Fahrertür liegen, das man bei Bedarf mit solchen Saugnäpfen aus Gummi von innen an der Windschutzscheibe befestigen kann. Darauf steht: „Notfallseelsorge“. Ein Erkennungszeichen, wenn ich als Pfarrer im Rahmen eines offiziellen Einsatzes als Notfallseelsorger gefragt bin und mit dem Auto an eine Unfallstelle oder einen Unglücksort herangelangen muss. Zum Glück kommt das nicht oft vor, aber ein paar Wochen im Jahr übernehme ich, wie alle anderen Pfarrkollegen auch, die Rufbereitschaft und kann dann bei Bedarf von der Leitstelle der Polizei oder Feuerwehr eben als Notfall-Seelsorger angefordert werden. Aber ist es über hundert Jahre nach den gescheiterten Experimenten eines Dr. MacDougalls wirklich noch zeitgemäß, sich Sorgen um die Seele zu machen? – Anscheinend ja! Die meisten Einsatzleiter jedenfalls wissen das Angebot der Notfallseelsorge sehr zu schätzen und auch die Betroffenen sind froh, wenn nicht nur rein medizinisch-technische Hilfe in Notsituationen geleistet wird. Die Seele kann singen – aber sie kann auch weinen oder ganz verstummen.

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“, fragt Jesus einmal seine Jünger. Im griechischen Urtext des neuen Testaments findet sich hier das Wort PSYCHÄ. Man kann es mit Seele, aber etwa auch mit Leben übersetzen. PSYCHÄ nämlich bedeutet soviel wie Hauch oder Lebensatem. Das Wort beschreibt die Lebendigkeit im allumfassenden Sinn, die in einem Menschen wohnt, die ihn in seinem Wesen ausmacht. Seele meint dann mein ganzes Sein, alles was ich bin. Psychologie ist daher eigentlich „Seelenkunde“ und sollte somit keineswegs nur den „Kopf“ oder „Geisteszustand“ des Menschen in den Blick nehmen, sondern sein ganzes Wesen. In diesem Sinne war Jesus ganz sicher ein früher Psychologe: Wenn er einem Menschen begegnete, sah er nie nur den Kranken, die Sünderin oder den Gerechten, sondern immer ganzheitlich eine Person mit Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Ängsten, Ecken und Kanten, Licht und Schatten. Er sah nie irgendjemanden, sondern immer ein beseeltes Gegenüber, einen Nächsten, eine Menschenseele, die ihm kostbarer war als alle Reichtümer der Welt.

Man kann die Seele nicht wiegen, aber man kann sie singen lassen und man kann sich um sie sorgen, wenn sie verletzt oder gekränkt wurde. Der Segen sei wie ein Breitbandantibiotikum für verwundete Seelen, hat einmal der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege gesagt. Dazu passt die wunderbare Geschichte, die die Ärztin und Autorin Rachel Naomi Remen von ihrem Großvater erzählt, nachzulesen in ihrem Bestseller „My Grandfather’s Blessings“ – „Der Segen meines Großvaters“: Jeden Freitagnachmittag geht die kleine Rachel zu ihrem Großvater. Der alte Mann zapft dann heißen Tee aus seinem Samowar und nimmt sich Zeit für die Enkelin. „Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an“, erinnert sich Rachel Naomi Remen. „Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen. Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: „Komm her, Neshumele.“ Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel.

Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung darüber zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen.

Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte – Sara, Rahel, Rebekka und Lea -, auf mich aufzupassen. Diese kurzen Momente waren in meiner Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar noch immer etwas mehr, das man wissen musste. Es war nie genug. Wen ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 nach Hause kam, dann fragte mein Vater: „Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?“ Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher.

Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte. Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt – „Neshumele“, was „geliebte kleine Seele“ bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte.

Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.“

Die Teestunden mit ihrem Großvater – für Rachel Naomi Remen waren sie Balsam für die Seele. Es tut gut, fest daran zu glauben, dass wir in Gottes gütigen Augen alle solche „Neshumeles“ sind: Kleine geliebte Seelen.

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