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Sprit und Spirit
Bildquelle: medio.tv/Scheuermann

Sprit und Spirit

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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‚Fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn‘ – Wenn Sie so alt sind wie ich, erkennen Sie‘s gleich: Das ist der große Hit der Elektronik-Band Kraftwerk aus dem Jahr 1974.
Wenn Sie genauso oft unterwegs sind wie ich, denken Sie jetzt vielleicht: ‚Schön wär’s – Fahren ist schon längst nicht mehr, es gibt jedes Jahr mehr Staus, mehr Stehen als Fahren.
Und wenn Sie schon so lange den Führerschein haben wie ich, dann ist Ihnen wohl auch aufgefallen: Das Verhalten auf der Straße hat sich geändert – eine Autobahnfahrt bedeutet heute häufig jagen und gejagt werden; und wer bremst, verliert.
Das macht ganz schön Stress. Gut, wenn ich mal aus dem stop and go aussteigen und vom Rasen Rast machen kann. Dafür gibt’s Rastplätze an der Autobahn und noch mehr. An manchen Raststätten gibt’s nicht nur Sprit fürs Gefährt, es gibt auch Spirit für die Seele der Fahrenden. Sprit und Spirit stammt vom gleichen lateinischen Wort ab: Spiritus heißt Geist.
Sprit für’ s Auto, Heiliger Geist für mich. Seele auftanken, das kann ich in einer der 44 Autobahnkirchen in Deutschland. Sie sind eine Besonderheit, die es fast nur bei uns gibt. 1958 wurde die erste gebaut, seit 10 Jahren steht eine in Kassel, an der A7 am Autohof Lohfeldener Rüssel. Man darf Jubiläum feiern.
Ich besuche meinen alten Freund Willi Stiel, ich kenne ihn von der ‚Kirche unterwegs‘, der Urlauberseelsorge. Willi Stiel betreut zusammen mit einem Team von Ehrenamtlichen die ökumenische Autobahnkapelle. Gebaut hat sie der Betreiber des Autohofes und ein Sponsor aus Kassel.
Willi zeigt mir die Kapelle. Ein ungewöhnliches Haus Gottes im öffentlichen Raum. Ich stehe vor einem Betonkubus, 5 x 5 Meter im Grundriss, etwa 6 Meter hoch.
Ein hohes Eichenportal führt ins Innere. Da wechseln sich Sichtbeton, an dem ich die Abdrücke der Schaltafeln erkenne, mit einer mit Eichenholz verkleideten Wand ab. Der Raum wird beherrscht von einer viereckigen Stele aus Stein. Der wurde so dünn geschliffen, dass er von innen beleuchtet werden kann. Ein Kreuz ist aus dem Stein herausgearbeitet. Das Licht aus dem Innern der Stele macht den Raum warm, obwohl es keine Heizung gibt.

Draußen steht der Name der Kapelle, sie heißt ‚Licht auf dem Weg‘. ‚Ich verstehe,‘ sage ich zu Willi ,die leuchtende Steinsäule mit dem Kreuz und der Name der Kapelle. Das Kreuz ist ein Licht auf dem Weg‘.
Willi stellt gerade Blumen in die Vase in der Ecke und dreht sich um: ‚Ja, stimmt, aber überleg doch mal genau: Das ist eine hessische Autobahnkapelle, und sie heißt ‚licht auf dem Weg‘, na, kapiert?‘
Nach einer Weile habe ich’s dann auch verstanden. Autobahnkirchen sind Gotteshäuser, die auf meinem Weg liegen. 

Natürlich will ich Geschichten zur Kapelle hören. Und Willi erzählt: Von dem Berufskraftfahrer, der hier immer auf seinem Weg Halt macht. Für den Sprit und Spirit zu einem persönlichen Ritual geworden sind. - Tanken, essen, auf’ s Klo gehen, die Kapelle besuchen, eine rauchen und dann ganz entspannt weiter fahren, so macht der das.

Da ist die Frau, die nach einer guten Diagnose des Arztes auf dem Heimweg in der Kapelle anhält, um sich zu bedanken. Da ist die Gruppe Architekturstudenten, die hier eine Verbindung zwischen Heiligem Ort und öffentlichem Raum erfahren.
Da ist vor allem das ‚Anliegenbuch‘: eine Kladde, in die Besucher etwas hineinschreiben können.
‚Danke für diesen Moment der Stille‘ lese ich; und dann die Bitte ‚Wir sind auf dem Weg in den Urlaub. Bitte beschütze uns.‘ Jemand schreibt von seiner Not: ‚Lieber Gott, ich kann nicht mehr, ich bin fertig. Wer hilft mir?‘ Gut, dass in der Kapelle auch eine Telefonnummer aushängt, unter der jederzeit ein Gesprächspartner zu erreichen ist, und die Nummer wird auch genutzt.
Manche berichten ganz konkret von Gottes Hilfe: ‚Danke, dass du mich beim Sekundenschlaf rechtzeitig aufgeweckt hast.‘ Viele denken an andere: ‚Allen hier Gottes Segen und eine behütete Weiterfahrt.‘ lautet ein Wunsch.
Wie wichtig das ist: Orte, an denen Menschen zur Besinnung kommen können und sich auf Gott besinnen. Orte, an denen sichtbar und spürbar wird, dass Gott bei den Menschen ist. Wie wichtig, dass solche Orte auf dem Weg liegen, sich anbieten unterwegs. Damit der Weg gelingt.
In die Innenwand der Kasseler Autobahnkapelle ist folgendes Wort von Jesus in den Beton geprägt: ‚Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.‘
Es spricht mir zu: Gott ist bei mir ist. Diese Zusage tut gut. Bevor wir aus der Kapelle gehen, zünden Willi und ich noch Kerzen an – Licht auf dem Weg.

Ich muss an die biblische Erzählung von einem Finanzminister aus Äthiopien denken. Der hatte sich auf der Suche nach Gott auf den langen Weg nach Jerusalem gemacht. In Jerusalem hatte er sich Schriftrollen vom Propheten Jesaja gekauft. Auf dem Rückweg liest er, was Jesaja schreibt, aber er versteht nicht, was die Heilige Schrift ihm sagen will.
Dann trifft er auf Philippus, einen Jesus-Jünger. Der ist unterwegs im Namen des Herrn, um Seelenkraftstoff, Spirit, weiter zu geben. Philippus erklärt dem Gottessucher die Bedeutung der Schrift: ‚Gott ist bei dir. Er begleitet dich auf deinem Weg, wo du auch bist, wohin du auch fährst. In Jesus wird Gott dein Weggefährte.‘
Der Minister nimmt den Geist auf. Gott ist bei ihm. Das gibt seinem Leben Sinn. Er lässt sich taufen als Zeichen dafür: Gott geht mit ihm auf seinem Weg. Die Geschichte endet mit der schönen Aussage ‚er aber zog seine Straße fröhlich.‘

Wenn das keine Aussicht für das Fahren auf der Autobahn ist – statt in Stress, Hetze und Stau fröhlich meine Straße ziehen! Die Botschaft in der Kapelle, dass Gott in Jesus immer bei mir ist, bedeutet mehr als Sprit, mehr als einfacher Kraftstoff, die verleiht Spirit – Gottes guten Geist.
‚Sag mal, Willi,‘ habe ich zum Schluss des Besuches gefragt, ‘gibt es für dich so was wie eine Verkehrsregel Gottes?‘
Willi Stiel lacht: ‚Göttliche Verkehrsregel? So was wie ein Gebot gibt es nicht. Dafür ein göttliches Angebot: Meine Arme sind immer für dich offen.‘

Das passt. Ausgestreckte Arme laden ein. Bei Gott finde ich Ruhe und Geborgenheit. Genau das brauche ich. Nicht nur auf der Autobahn. Auch sonst wär‘s ganz gut, ich würde immer mal vom Rasen rasten, bevor ich ausraste. Dafür braucht’s nicht überall eine Kapelle, das geht auch auf einem Parkplatz. Immer mal eine Rast einlegen, das passt auch in meinen Alltag jenseits der Autobahn.

Als ich draußen vor der Kapelle stehe, bemerke ich: Sie sieht aus wie die Rückfront eines Container-Lasters. Die sind mir auf der Autobahn oft im Weg. Manchmal fühle ich mich von ihnen auch bedrängt. Was tun?
Die Band Kraftwerk gibt im Songtext schon immer den Tipp: ‚Jetzt schalten wir das Radio an, aus dem Lautsprecher klingt es dann: Fahrn, fahrn fahrn auf der Autobahn …‘

Übrigens: Neben dem Verkehrsservice von hr1 liegt in Hessen auch immer mal eine Autobahnkirche am Weg, zum Spirit tanken. Dann kann auch ich meine Wege fröhlich weiter ziehen.
 

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