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"Solange es das noch gibt" - Anne Frank
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"Solange es das noch gibt" - Anne Frank

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad
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„Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel hinauszugehen. Irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott. ... Solange es das noch gibt, ... und ich es erleben darf, diesen Sonnenschein, diesen Himmel, an dem keine Wolke ist, so lange kann ich nicht traurig sein.“(1) Das schreibt ein Mädchen im Februar 1944 in ihr Tagebuch. Sie ist 14 Jahre alt und lebt im Hinterhaus der Prinsengracht in Amsterdam. Das Mädchen ist Anne Frank. Ihr Tagebuch ist für sie wie eine Freundin, der sie alles erzählen kann.

Ein berührender Satz aus der Unfreiheit

„Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel hinauszugehen.“ Als Anne Frank das in ihr Tagebuch schreibt, lebt sie bereits seit eineinhalb Jahren im Untergrund. Die Franks sind eine jüdische Familie aus Frankfurt und vor den Nazis nach Amsterdam geflohen. Dann haben die Deutschen die Niederlande besetzt. Die Familie Frank taucht unter und versteckt sich zusammen mit anderen Verfolgten im Hinterhaus an der Prinsengracht.

Alle müssen sich im Versteck so verhalten, als wenn sie gar nicht da wären. Tagsüber dürfen sie nicht laut miteinander sprechen, nicht die Wasserleitung benutzen, nicht die Gardinen berühren. Alles, was sie von der Welt draußen mitbekommen, ist ein Stück Himmel, den Klang, wenn die Glocken der nahe gelegenen Kirche läuten, das bisschen Frühlingsluft, das der Wind in ihr Versteck weht.

Hinausgehen konnte Anne Frank nicht

In dieser Situation schreibt Anne Frank diese Sätze in ihr Tagebuch: „Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel hinauszugehen. Irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott.“ Hinausgehen. Anne Frank in ihrem Versteck konnte das nicht. Mir geht das unter die Haut. Es ist ein Detail, das mir eine Ahnung gibt, wie schrecklich ist, was die Nazis Jüdinnen und Juden zugefügt haben. Und wie kostbar Freiheit ist.

Ich kann jederzeit hinausgehen, eine Runde im Wald oder am Main drehen. Ich kann die Natur im Wechsel der Jahreszeiten erleben, den matschigen Februar mit seiner Vorfreude auf Frühling. Ich kann die Sonne, die jeden Tag höher steht, auf meiner Haut spüren, die frische Luft atmen.

Anne Frank starb vor 75 Jahren im Konzentrationslager

Diese Freiheit hat die 14-, 15-jährige Anne Frank nie mehr erlebt. Sie starb vor 75 Jahren jetzt um diese Zeit, im Februar oder Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Kurz bevor der Zweite Weltkrieg zu Ende war.

Freiheit ist ein Menschenrecht

Freiheit. Das ist manchmal ein so großes, abstraktes Wort. Die Sätze aus dem Tagebuch der Anne Frank sagen mir: Freiheit ist sehr konkret. Hinausgehen können und den Himmel über sich haben und den Sonnenschein spüren. Als Jude oder Christin, Muslim oder Atheistin ohne Angst hinausgehen können. Das ist Freiheit. Sie ist ein Menschenrecht und jeden Einsatz wert.


  1. Anne Frank Tagebuch. Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler. Fischer Taschenbuch Verlag 1992, Seite 192

 

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