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„Missionarisch Kirche sein“
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„Missionarisch Kirche sein“

Stefan Buß
Ein Beitrag von

Stefan Buß,

Katholischer Pfarrer, Innenstadtpfarrei St. Simplicius, Faustinus und Beatrix, Fulda
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"Missionarisch Kirche sein" – diesem Schlagwort begegnen Christen innerhalb der Kirche immer wieder mal in heutiger Zeit, besonders dann, wenn es um die Zukunft der Kirche geht. Missionarisch sein, das bedeutet Menschen wieder für den Glauben zu begeistern. Dies ist lebenswichtig für die Gemeinschaft des Glaubens, für die Kirche. "Missionarisch sein" ist der Auftrag Jesus Christi an seine Kirche. Und eine Missionarische Kirche ist eine Gemeinschaft, die sich nicht einschließt in ihre sicheren vier Wände, sondern die sich öffnet nach außen hin. Eine Kirche, die Raum bietet für neue Mitglieder und die eine positive Ausstrahlung darstellt, sodass viele Menschen dazugehören möchten. Eben eine Kirche, die einladend ist. Zu diesem Thema "Missionarisch Kirche sein" erschien bereits vor 20 Jahren ein bemerkenswerter Hirtenbrief des damaligen Bischofs von Erfurt, Bischof Joachim Wanke (20.12.2000). Aus diesem Hirtenbrief ist mir noch ein Satz in Erinnerung, der mich immer wieder mal beschäftigt. Dieser Satz lautet: "Wenn Gott so großzügig ist, wie kann sein Bodenpersonal dann kleinlich sein". Spannend, oder? Wenn Gott so großzügig ist, können dann die Menschen in seiner Kirche, sein "Bodenpersonal", so ganz anders sein: nämlich kleinlich und lieblos, unbarmherzig und gnadenlos?! Dann sind sie eine schlechte Reklame für Gott – und damit auch für seine Kirche. Denn Kirche und kirchliches Leben werden ja nicht erfahrbar durch kluge Bücher, nicht durch hochtheologische Vorträge, die keiner liest; sondern Kirche wird vor allem erfahrbar durch Menschen. Sowie die Menschen in der Kirche sind, wiesie ihren Alltag leben, so ist dann auch Kirche selbst. Um diesen Punkt geht es genau beim Evangelium nach Johannes, das heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird. Johannes verweist zwei seiner Jünger auf Jesus hin und sie suchen neugierig den Kontakt mit ihm. Sie wollen wissen, wo er wohnt. Er hat sie eingeladen. Voraus geht aber ihre Frage: "Wo wohnst du?" Sie fragen ganz normal, so, wie ich eben einen Menschen frage, mit dem ich gern zu tun haben will: "Wo wohnst du? Kannst du mir deine Adresse geben? Deine Telefonnummer?" Wo wohnst du - das ist aber viel mehr, als dass ich nur die Hausnummer weiß. Das heißt doch auch: "Wo kann ich dich finden, wenn ich dich brauche? Wo kann ich dich erreichen?" Diese Frage kann auch heißen: "Wo treffe ich dich eigentlich privat an, so wie du bist?" Und dann wird so eine Frage schon viel direkter. Jesu Antwort ist ähnlich direkt. “Kommt und seht!“, sagt er zu den beiden Männern. Und dann wird Jesus den Männern, die ihn näher kennenlernen wollen, ja nicht seine Wohnungseinrichtung gezeigt haben, sondern er wird ihnen gezeigt haben, wie er lebt, wie er glaubt, wie er umgeht mit den Menschen, die da um ihn herum sind. Und ob seine Taten und seine Worte miteinander übereinstimmen, denn nur das ist ja wirklich überzeugend. Was Jesus da tut, das ist Mission im eigentlichen Sinne des Wortes: Andere einladen und mit gehen lassen auf den eigenen Wegen. Einen anderen teilhaben lassen an der Art und Weise wie ich in meinem Alltag mit meinen Problemen, mit meinen Begrenztheiten und Fehlern, mit meinen Mitmenschen und mit meinem Gott umgehe. Keine Appelle oder Anforderungen, keine Belehrungen oder Messlatten. Kein: Du musst oder du darfst nicht! So kann Glauben entstehen. Denn der Glaube kommt nämlich nicht aus Büchern, sondern der kommt immer auf zwei Beinen daher: Durch Menschen, die einladend sind; Menschen, die sagen können "Komm und sieh!" , schau wie ich es mache und die dann nicht tun, als wären sie besser als die anderen, sondern die ehrlich sind; die sich nicht verstecken, wenn ihr Glaube mal schwach ist und wenn ihre Nächstenliebe auch mal mühsam ist, sondern die wissen, dass sie auch Tiefzeiten haben - aber dass sie auch in ihren Tiefzeiten von Gott getragen und geliebt sind - und die deshalb nicht aufgeben und verzweifeln, sondern immer wieder neu aufstehen und anfangen. Menschen, die wirklich ehrlich sein können. Die zugeben, dass sie sich nicht auf ihre Verdienste berufen können, sondern ganz allein auf die Liebe Gottes. Auf den also, der aus ihren kleinen bescheidenen Anfängen Großes entstehen lassen kann.

Musik: Bassani Sinfonie Op.5 – Sonata No.4 in D

Dass es die christlichen Kirchen immer noch gibt, das ist Gott zu verdanken – aber ganz sicher auch den vielen Christinnen und Christen, die im Laufe der Jahrtausende gelebt haben. Vielleicht haben diese Menschen ungewöhnlich gelebt, aber gerade dadurch waren sie so gewinnend: Durch ihre auffällige Fürsorge der Gemeinde für ihre Armen und Kranken; der Respekt gegenüber den Toten; der barmherzige Umgang der Christen mit den Schwachen; ihr Eintreten für Rechtlose;  und nicht zuletzt, dass es bei diesen Christen einen Tisch, einen Altar gab, an dem nicht nur die Reichen und Angesehenen einen Platz haben, sondern auch die "kleinen Leute", sogar die Sünder - eben alle. Keiner darf in der Gemeinschaft des Glaubens ausgeschlossen werden, weil es neben allem Recht auch die Barmherzigkeit gibt - und die Vergebung. Und alles ohne großes Aufsehen, ohne große Worte, sondern ganz einfach durch das Leben, durch das Beispiel im Alltag. Das war es, was überzeugte und ansteckte: Diese Botschaft, die nicht für die Ohren bestimmt war durch großartige Predigten. Sondern die Predigt, die für die Augen bestimmt war - durch das glaubwürdige Tun, durch die Nächstenliebe und die gelebte Barmherzigkeit. Durch das Leben auch außerhalb der Kirchenmauern. Die Bibel, die zu allererst von den anderen Menschen gelesen wird, die steht nicht im Bücherregal. Die Bibeln dieser Welt, das sind leibhaftige Menschen. Der Christ ist die einzige Bibel, die manche jemals lesen werden. Für manche ist genau der Mensch, dem er begegnet die Tür, um Gott kennenzulernen, um die Sehnsucht nach ihm in ihnen zu wecken. In einem Gebet des 14. Jahrhunderts aus Flandern heißt es:

"Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.
Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
Wir sind Gottes letzte Botschaft in Taten und Worten geschrieben."

Für mich bedeuten diese Zeilen aus dem 14. Jahrhundert Folgendes: Christen dienen einem Gott, der die Liebe ist, der die Gerechtigkeit ist, der die Barmherzigkeit ist, der die Wahrheit und der das Leben ist. Genau davon sollte das ganze Dasein durchzogen sein, damit alles im Leben den abbildet, der alles für den Menschen gab. Der praktizierende Christ und die Christin geben der Kirche ein Gesicht, nämlich das eigene. Und deshalb ist es schon spannend, sich zu fragen: Welchen Eindruck mache ich als Christ auf andere Menschen, wenn ich sie einlade? "Komm und sieh! Leb mal einen Tag mit mir - oder zwei". Was würde da im Alltag rüberkommen? Müssten sich einige Christen erst mal "verbiegen" und anstrengen, um halbwegs einladend und überzeugend zu wirken - oder könnten sie ganz einfach sein, wie sie wirklich sind? Müssten heutige Christen jemanden überreden – oder könnten sie den anderen überzeugen?

Musik: Scandinavian String Music - GRIEG – Suite from the Time of Holberg, Op. 40 – Gavotte & Musette: Allegretto & Poco più mosso

Roger Schutz (1915-2005), der Begründer der Gemeinschaft von Taizé, hat einmal gesagt: "Lebe, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!" Das heißt keine Angst. Der Glaube will niemanden überfordern, nicht die Christen selbst und auch nicht die anderen Menschen. Der Glaube will froh machen, erlösen und anstecken. Und dabei kann eine kleine ehrliche Tatüberzeugender sein und mehr bewirken als ein großes Wort - hinter dem aber keiner steht.
An den beiden Jüngern aus dem Johannesevangelium ist zu beobachten, die Mitarbeit beginnt in der Begegnung mit Jesus, im Schauen auf sein Leben, sein Denken und Handeln. "Kommt und seht!" fordert Jesus die Jünger auf, d. h. vergleicht meine Gesinnung mit euren Wertvorstellungen und denen der öffentlichen Meinung; bewertet, welches von allen Angeboten dieser Welt das menschlichere Gesicht trägt, heilender und aufbauender ist; schaut und erwägt, welches Verhalten am Ende mehr Nutzen, Frieden und Gerechtigkeit bringt; stellt alles auf den Prüfstand, lasst nichts aus, schaut, vergleicht, erwägt, bewertet und trefft eure Wahl und Entscheidung. All das steht zwischen den Zeilen des Johannesevangeliums. Und das zeigt mir, was für ein wunderbarer Seelsorger Johannes ist, denn er verzichtet auf Vorschriften. Helfend weist er vielmehr einen Weg, wie jeder - mit seinen Talenten, mit seinen Kräften, mit seiner Prägung, mit seiner Lebenserfahrung, aus seiner Situation heraus – den eigenen Weg zum lebendigen Christsein finden kann. Dieser Weg führt über ein gedankliches Verweilen bei Jesus, ein Schauen auf ihn und zu der Frage: Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln, wenn er in meiner Familie leben würde, mit meinem Partner verheiratet wäre, meine Nachbarn und meine Verwandtschaft um sich hätte, in dieser Gemeinde Mitglied wäre, an meinem Arbeitsplatz stünde, in der Zeit von heute lebte.

Musik: Scandinavian String Music - GRIEG – Suite from the Time of Holberg, Op. 40 – Prelude: Allegretto vivace

Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln? Mit dieser Frage treten Menschen in ein lebendig gelebtes Christsein. Es werden aus eigener Schwäche heraus sicher weiterhin öfter Fehler und Versagen vorkommen; aber es gibt mit dieser Frage vor allem eine klare Grundausrichtung auf Christus hin, ein Streben und Wachsen, ein von Verantwortung getragenes Handeln.

Mit dieser Frage: Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln? Kommt Schwung und Farbe, Vielfalt und Wachheit, Menschlichkeit und Fürsorge ins Leben. Die Freude am Gutsein wächst, Mühe und Einsatz werden nicht ständig als Last empfunden, das Leben wird wahrscheinlich nicht leichter und weniger mühevoll, aber in vielem reicher und erfüllter. Wer dies an sich selbst erlebt hat, gibt seine Erfahrungen gern an andere weiter. Jeder und jede ist eingeladen, sich mit dieser Frage auf den Weg zu machen. Es gilt sich vom Herrn einladen zu lassen: "Komm und sieh, verweile, vergleiche, wäge ab und beurteile!" Der Evangelist Johannes preist Christus nicht marktschreierisch an. Er will auch nicht hinterhältig Menschen ködern: Sei es für das Christentum grundsätzlich, sei es für von außen festgelegter Art und Weise, den Glauben zu leben. Der Evangelist schickt Menschen auf den Weg, er gibt einen hilfreichen Hinweis. Für alles Weitere trägt der Mensch selbst die Verantwortung.

"Kommt und seht!", so sind alle Menschen immer wieder eingeladen, mit ihren Fragen, ihrem Suchen und ihrer Sehnsucht zu Jesus zu kommen. Das gibt auch den Mut und die Freude ihm zu begegnen. Damit ist nicht eine offensive Missionierung oder ausschließliche Einladung zum Gottesdienst und anderen kirchlichen Veranstaltungen gemeint. Es geht vielmehr um die Haltung des "Komm und sieh": Es bedeutet nicht nur, sein Haus für Gäste zu öffnen und Gastfreundschaft auszuüben, sondern andere auch am eigenen Leben und Glauben teilhaben zu lassen. An den eigenen Fragen und Antworten, an Leid und an Freude, an den Abgründen und an den Fundamenten. Es bedeutet, andere Menschen vor allem an dem teilhaben zu lassen, was Kraft gibt, was Mut macht, was nicht die Hoffnung verlieren lässt und neue Wege aufzeigt. Wenn dann jemand nach dem Grund all dessen fragt, sollen Christen bereit sein und sich freuen, von Jesus erzählen zu können.

"Kommt und seht!" ist eine Einladung und Ermunterung für alle, sich diesem Jesus im Herzen zu öffnen. Und diese Einladung selbst auszusprechen auf dem gemeinsamen Weg des Christseins in dieser Zeit.

Musik 4: Norwegian Classical Favourites – Grieg – Morning mood

Musikauswahl: Regionalkantor Ulrich Moormann, Fulda

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