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Meine Lasten und Vergebung
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Meine Lasten und Vergebung

Jens Haupt
Ein Beitrag von

Jens Haupt,

Evangelischer Diakoniepfarrer, Bad Hersfeld
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Wenn jeder auf sich selbst aufpasst und jeder darauf achten würde, anderen nicht zur Last zu fallen, wäre das Leben einfacher. Und wenn ein wenig Rücksichtnahme und Höflichkeit dabei sind, gerne! An manchen Tagen habe ich den Eindruck, viele unserer Zeitgenossen verabschieden sich gerade davon. Es wird überall hemmungslos geraucht, wo es nicht verboten ist, die Autos sind so laut eingestellt, dass alle zu jeder Tageszeit mitbekommen müssen, dass dieses Auto einem tollen Kerl gehört. In den Bus einsteigen am besten gleich schon während die letzten noch aussteigen und an der Kasse einfach immer weiter nach vorne an den anderen vorbei, geht doch! Das stinkt mir gewaltig und macht mich selbst zu einem, der mit Tunnelblick durch die Straßen eilt, damit mir keiner zur Last fällt.

Eine junge Poetry-Slammerin hat mich erwischt. Sie hat mich mit diesem Satz überrascht: Jesus hat den Himmel zurückgelassen, um meine Last auf sich zu nehmen und hatte mir schon längst vergeben, obwohl ich ihn nicht mal um Entschuldigung bat. Das ist ein komplett anderes Modell: Jesus ist aus dem Himmel ausgestiegen. Hat seine Komfortzone verlassen. Aber nicht, um mir zuzuschauen, sondern Hand anzulegen. Meine Last auf sich genommen. Hab ich überhaupt Lasten? Und ob, Menschen sind mir oft eine Last. Ihr Benehmen, ihre Bedürftigkeit.  Auch diese Last hat Jesus auf sich genommen. Ich bilde mir nur ein, ich müsse sie allein tragen. Wohlgemerkt, er nimmt sie mir nicht weg, zaubert nicht, tut nicht so, als ob da gar nichts Schweres in meinem Leben wäre. Er trägt mit. Nimmt auf, was mich in die Knie zwingt. Nicht genug damit, die junge Frau, die diesen Satz aufgeschrieben hat, spricht von Vergebung und Entschuldigung: Jesus hatte mir schon längst vergeben, obwohl ich ihn nicht mal um Entschuldigung bat.
Das nagt an meinem Stolz. Muss mir denn etwas vergeben werden? Bin ich an etwas schuld? Ich trage doch schon genug Schweres im Leben. Wenn, muss das Leben sich bei mir entschuldigen, bei allem, was so auf mich einströmt und was ich zu bewältigen habe. Vorauseilende Vergebung hab ich nicht nötig, da gibt es Schlimmere, sollen die doch… Ich wüsste gar nicht, was mir vergeben werden sollte… Vergebung und Entschuldigung, beides ganz schön unmodern. Aber wenn ich ehrlich bin, macht es meine Menschenwürde aus. Jede und jeder kann um Entschuldigung bitten. Jeder und jede kann vergeben. Jeder Mensch ist es wert, dass ihm vergeben wird. Die junge Poetry-Slammerin sagt: Genau dafür hat Jesus den Himmel zurückgelassen und unsere Last auf sich genommen.

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