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Lob der Langeweile

Lob der Langeweile

Pia Arnold-Rammé
Ein Beitrag von

Pia Arnold-Rammé,

Katholische Pastoralreferentin, Referentin für Sozialpastoral, Frankfurt
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Der 11. April 1954 war der langweiligste Tag des 20. Jahrhunderts. Als ich das lese, frage ich mich: Wer kommt denn auf so was? Das ist doch wohl ein Scherz! Aber es ist quasi wissenschaftlich erwiesen: William Tundstall-Pedoe, der auch für den intelligenten Lautsprecher Alexa verantwortlich ist, hat das herausgefunden. Mit seiner Suchmaschine „True Knowledge“ hat er das ganze 20. Jahrhundert durchforstet. Und an diesem Tag ist weltweit kaum etwas Erwähnenswertes passiert. So wenig sozusagen wie an keinem anderen Tag des Jahrhunderts. Und so gelangt dieser 11. April 1954 zu seiner traurigen Berühmtheit.

Aber ist das wirklich so traurig? An den Tagen, an denen viel passiert, passieren ja auch meist viele schlimme Dinge. Da ist doch so ein langweiliger Tag fast angenehm, könnte man sagen. Aber an Langeweile ist nichts Positives, zumindest auf den ersten Blick. Mir ist so langweilig – diese Ansage kenne ich von meinen Kindern. Und das war meist die indirekte Aufforderung: Mama, spiel was mit uns oder mach, dass es interessanter wird. Bei Erwachsenen ist die Langeweile meist nicht mehr so verbreitet, viele stöhnen eher über Stress und Hektik. Aber das ist ja vielleicht auch nur der erwachsene Versuch, bloß keine Langeweile aufkommen zu lassen. Dabei meint das Wort doch nur, dass etwas eine lange Weile Zeit braucht.

In der Bibel, im Lukasevangelium, wird zum Beispiel die Geschichte von Zacharias erzählt. Ihm und seiner Frau wird noch im hohem Alter die Geburt eines Sohnes angekündigt, von einem Engel im Tempel. Zacharias geht in den Tempel und kommt eine lange Weile nicht aus dem Tempel heraus, so heißt es in der Bibel. Die Menschen machen sich schon Sorgen um ihn, so lange dauert es. Das macht für mich deutlich: Wenn etwas Außergewöhnliches passiert – dann braucht das Zeit. Das geht nicht so schnell. Da ist eine lange Weile nötig. Das kann unsere häufig auf Tempo trainierte Lebensart überfordern. Vielleicht sollte ich mich manchmal etwas mehr auf die Langeweileeinlassen. Mal sehen, welche Überraschungen und wie viel Ungewöhnliches ich dann erleben kann. 

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