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Licht das wir nicht sehen
Bildquelle: medio.tv/Küster

Licht das wir nicht sehen

Gabriele Heppe-Knoche
Ein Beitrag von

Gabriele Heppe-Knoche,

Pfarrerin, Leitung Evangelisches Forum Kassel
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Ohne Licht gibt es kein Leben, liebe Hörerinnen und Hörer. Gerade jetzt, Mitte Februar, wo die Tage deutlich länger geworden sind, kann man das spüren. Wie war der Winter doch düster und grau! Jetzt ist jeder Sonnenstrahl eine Wohltat. Und ich sehe in meinem Garten, dass es nicht nur mir so geht. Unter den Laubresten vom letzten Herbst liegen schon die Frühblüher auf der Lauer. Schneeglöckchen und Winterlinge mit angedeuteten weißen und gelben Spitzen warten nur auf ein paar Tage mit anhaltender Sonne und Licht. Endlich können sie die Blüten öffnen. Aber ohne Licht geht nichts. Ohne Licht würde die Natur verkümmern wie auch die Menschen. Deshalb freue ich mich über jeden Tag mit offenem Himmel, mit Licht und Sonne, - jeden Tag, der anzeigt, dass die dunkle Winterzeit bald zu Ende geht.

Licht ist für das Leben so elementar, dass es eine hohe Symbolkraft besitzt. Die vielen Lichter und Sterne in der Weihnachtszeit zeigen das jedes Jahr. Jesus, das Licht der Welt wird, ausgerechnet in der dunkelsten Zeit im Stall von Bethlehem geboren! Ein Hoffnungsschimmer, ein Freudenglanz, ein Friedenslicht. Gott kommt in die Dunkelheit der Welt hinein. Dunkelheit bleibt nicht dunkel. Nicht auf immer. Diesen Gedanken können wir mitnehmen von Weihnachten und so dem Frühling entgegen sehen.

Musik  Wie schön leuchtet der Morgenstern

Licht ist für das Leben elementar. Aber was ist Licht? In dem ausgezeichneten Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr gibt es ziemlich zu Anfang eine Schlüsselszene. Werner, ein Junge von etwa  10 Jahren, ist eine der Hauptfiguren. Er lebt zur Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus in Essen auf dem Gelände der Zeche Zollverein in einem Waisenhaus. Er ist zwar noch ein Kind, aber schon in diesem Alter ist er ein begnadeter Bastler, ein Technikversteher. Aus gefundenen Metallteilen und Drähten hat er ein Radio gebaut. Damit erfreut er die Kinder im Waisenhaus, wenn sie gemeinsam auf die Stimmen und die Musik hören, die aus dem Radio schallen. Aber nachts, da lauscht er allein mit seiner Schwester oben auf dem Dachboden Sendern aus ganz Europa. Eines Abends fängt er mit seinem Radio die Stimme eines Franzosen ein. Es scheint ein junger Mann zu sein. Er spricht über das Licht.

„Das Gehirn ist natürlich in völlige Dunkelheit eingeschlossen, Kinder. Es treibt in klarer Flüssigkeit im Inneren des Schädels, nie im Licht. Und doch leuchtet die Welt, die es in unseren Gedanken schafft. Sie fließt über mit Farbe und Bewegung. Und wie, Kinder, erschafft uns das Gehirn, das ohne einen Funken Licht lebt, diese helle, strahlende Welt?“

Die Worte elektrisieren den Jungen. Völlig gebannt lauscht er dem Franzosen, der weiter über Lichtphänomene spricht, über optische Täuschungen und Elektromagnetismus. Da ist einer im Äther, der so wie er den Dingen auf den Grund gehen will, der verstehen will, wie alles zusammenhängt.

Und das ist ja auch eine unerhörte Wahrnehmung: unser Gehirn kann uns alle Farben und alles Licht der Welt zeigen, obwohl es unter der Schädeldecke kaum direkten Lichteinfluss hat. Wir können alle Facetten des Lichtes mit unserem inneren Auge sehen. Die Lichtflecken zwischen den Blättern der Bäume, das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Meer, den ersten feinen Lichtschimmer am Morgen über dem Horizont. Die Hirnforscher könnten uns dazu bestimmt viel erklären. Trotzdem bleibt bei mir wie auch bei den Kindern am Radio die Faszination darüber, wie das Licht seinen Weg zu uns findet.

Licht ist ein spannendes Phänomen. Ich erinnere mich noch an meinen Physikunterricht vor mehr als 40 Jahren. Da lernten wir zuerst, dass Licht aus winzigen Teilchen besteht. Isaac Newton hat es so Anfang des 18. Jahrhunderts beschrieben. Aber mit dem Teilchenmodell ließen sich nur manche Phänomene von Licht erklären. Und deshalb suchten andere Physiker nach neuen Modellen, um die Vorgänge von Ausbreitung, Reflexion und Brechung des Lichtes zu erklären. Sie entwickelten in unterschiedlichen Schritten die Wellentheorie. Das ist die Vorstellung, dass Licht sich wellenförmig ausbreitet. Diese wurde später wieder erweitert durch die elektromagnetische Theorie. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte Albert Einstein die Theorie von den Lichtquanten. Im Physikunterricht sind wir dazu nicht mehr gekommen. Ich kann Ihnen das nicht mehr genau erklären. Das alles liegt zu lange zurück. Aber ich erinnere mich noch genau daran, dass da für mich der Physikunterricht interessant und spannend wurde. Alle diese Theorien versuchten ja ein Phänomen zu erklären, das in unserem Alltag ständig vorkommt. Ein Phänomen mit dem alle jeden Tag zu tun haben. Aber keine der Theorien kann alleine vollständig erfassen, was Licht ist und wie es sich zeigt. Es braucht mehrere Modelle, um es zu erfassen. So vielschichtig ist das Licht in seinen unterschiedlichen Erscheinungen.

Musik  Franz Schubert, Die Sterne D. 939

Ein Modell allein reicht nicht aus, um das Alltagsphänomen Licht vollständig zu verstehen. Das hat mich sehr erstaunt. Bei naturwissenschaftlichen Fragen denke ich immer, dass sich alles mit Formeln und Modellen ganz exakt darstellen und berechnen lässt. In anderen Zusammenhängen ist mir so etwas schon vertraut. Menschen z.B. lassen sich auch nicht einlinig begreifen. Es ist schwer einen Menschen zu beschreiben. Da gibt es Widersprüchliches, schwer Nachvollziehbares, manchmal auch nur angedeutete, geheimnisvolle Seiten. Und manchmal überraschen uns Reaktionen, selbst wenn wir einen anderen schon lange und gut kennen.

Auch wenn ich Gott beschreiben sollte, geht es mir so. Nicht umsonst erzählt die Bibel viele unterschiedliche Geschichten, wenn es um Gott geht. Geschichten, die etwas darüber aussagen, wie Gott zu den Menschen steht. Und doch bleibt da auch immer etwas offen, unbegreiflich, nicht logisch erklärbar. Denn die Aussagen über Gott sind nicht immer gleich. Es sind oft Bilder, Gleichnisse. Es sind eher Versuche, in Worte zu fassen, was sich nicht in einigen Sätzen fassen lässt. Am Ende steht keine klare eindeutige Aussage, die ich anderen einfach so weitersagen könnte und die für alle Situationen des Lebens gültig ist. Es ist vielleicht eher so wie ein vielstimmiger Gesang, wo sich aus unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen ein Ganzes allmählich zusammensetzt. In den Geschichten der Bibel erfahren wir, was Menschen mit Gott, mit ihrem Glauben erlebt haben. Wie Gott sich ihnen gezeigt hat, wie sie gestärkt und ermutigt wurden, wie sie sich neu orientieren konnten, wie Liebe und Lebensfreude sie erfüllt hat. Das verbinden sie mit Gott. So wirkt er in ihnen.

Im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt der Apostel Paulus über diese Kraft Gottes. Er beschreibt sie wie ein Licht, das in den Menschen wirkt.

„Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorgehen, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung der Erkenntnis des Herrn in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2.Kor 4,6)

Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben. Und das von Anfang an. Ein Licht, das wir nicht sehen, von dem wir manchmal nicht einmal etwas ahnen. Ein Licht, das uns aber sehen lässt. –Es schenkt Erleuchtung. Macht uns von innen her hell und wärmt. Ein ungeheurer Schatz, den wir in uns tragen. Oft nur unbewusst.

Musik  J. S. Bach, Erleucht auch meine finstre Sinnen

In dem Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ erklärt der unbekannte Franzose im Radio, woher das Licht kommt, das am Ende den ganzen Menschen wärmt und froh macht.

„Stellt euch ein einzelnes Stück Kohle daheim in eurem Ofen vor, wie es glimmt. Seht ihr es, Kinder? Dieses Stück Kohle war einmal eine grüne Pflanze, ein Farn oder ein Schilfrohr, das vor einer Million Jahren auf unserer Erde wuchs, vielleicht auch vor zwei Millionen oder hundert Millionen Jahren. Könnt ihr euch hundert Millionen Jahre vorstellen? Jeden Sommer, solange die Pflanze lebte, haben ihre Blätter so viel Licht aufgefangen wie nur möglich und die Energie der Sonne in sich selbst verwandelt. In Rinde, Äste, Stängel. Weil Pflanzen Licht essen, so wie wir Nahrung zu uns nehmen. Aber dann starb die Pflanze, fiel wahrscheinlich ins Wasser und zersetzte sich zu Torf, und der Torf wurde in der Erde eingeschlossen, für Jahre über Jahre, ganze Weltalter, in denen ein Monat oder ein Jahrzehnt, dein ganzes Leben nur ein Windstoß gewesen wäre. Ein Fingerschnippen. Und am Ende trocknete der Torf und wurde zu Stein, und jemand grub ihn aus, und der Kohlenmann brachte ihn zu dir nach Hause, und vielleicht hast du selbst ihn zum Ofen getragen. Und jetzt wärmt jenes Sonnenlicht, das Licht von vor hundert Millionen Jahren, dein Zuhause…“

Aus der Kohle, die die Sonnenenergie vor Jahrmillionen gespeichert hat, aus diesem stumpfen, schweren Stoff, kommt das Licht. Auch die Energie kommt im Ofen wieder hervor. In der leuchtenden Glut, im Schein der Flammen, in der abstrahlenden Wärme. Man kann es der Kohle nicht ansehen, was in ihr enthalten ist. Aber wenn die Energie freigesetzt wird, wärmt und leuchtet sie an den dunkelsten und kältesten Tagen.

So ähnlich hat es wohl auch Paulus gemeint, als er von dem hellen Schein spricht, den Gott in unsere Herzen gelegt hat. So wie die Pflanzen alles Sonnenlicht in sich aufnehmen, so nehmen wir Gottes Güte in uns auf. Vom ersten Tag unseres Lebens an, ja schon mit dem ersten Atemzug hat es begonnen. Nicht nur dass ich lebe, ist schon ein Geschenk. Sondern dass andere für mich gesorgt haben, sich an mir gefreut haben, mich mit Liebe in‘ s Leben gebracht haben, das bleibt in mir als Erfahrung von Geborgenheit und Glück. Ein heller Schein in meinem Herzen. Mehr als nur Wissen. Eine Gewissheit. Ein Schatz, den ich aufbewahre, der mir nie verloren geht. Erinnerungen aus der Kindheit: mein Großvater sitzt mit uns Kindern in der Küche auf dem Sofa und liest aus dem Märchenbuch. Ich sitze nach einem langen Nachmittag auf der Schlittenbahn am Ofen und meine Mutter reibt mir die gefrorenen Füße warm. Wir gehen mit meinem Vater in den Wald und holen Moos, um die Osternester im Garten damit zu bauen. Kleine Dinge, die warm und glücklich machen. Sie bleiben in mir, bilden ein Licht aus Liebe, aus Wärme und Glück. Viele solcher lichten Momente sind dazugekommen im Laufe des Lebens. Besonders starke wie die Momente, in denen meine Kinder geboren wurden. Aber auch viele, viele kleine Momente, Urlaubsbilder, Begegnungen mit Menschen, kleine Gesten im Alltag, die mich spüren ließen, dass Gott es gut mir meint.

Natürlich gab es auch andere Erfahrungen. Streit unter Freunden, Abschiede von Menschen, an denen ich sehr gehangen habe, Verluste und Enttäuschungen. Auch schmerzliche Momente, in denen ich erlebt habe, dass ich manches nicht ändern kann, so sehr ich mir das auch wünsche. Auch sie bleiben in mir. Aber sie sind eingebettet in diesen hellen Schein, der sich aus vielen Erinnerungen und Erfahrungen speist. Und damit verlieren sie den abgrundtiefen Schrecken, der die Freude in uns auslöschen kann.

Vielleicht denken Sie jetzt, das ist doch alles ganz menschlich. Was hat das denn mit Gott zu tun? Ja, das ist es, ganz menschlich. Aber nur so, ganz menschlich, können wir Gott in unserem Leben finden. Wie denn sonst? Paulus sagt es mit seinem Satz im Korintherbrief ganz deutlich. Die Erkenntnis liegt in dem Angesicht Jesu Christi. In ihm ist Gott ganz Mensch geworden, um uns nahe zu sein. Sein Gesicht in den Gesichtern anderer Menschen, seine Worte, von anderen zu mir gesagt, seine Hoffnung, von anderen in mich gelegt. Ich trage sie weiter und hoffe, dass dieser helle Schein in mir dann und wann so leuchtet und wärmt, dass er auch andere erreicht und sie wärmt und hell macht.

Musik   J. S. Bach, Von Gott kömmt mir ein Freudenschein, BWV 172

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