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"Ich liebe meine Eltern - und die Hühner"
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"Ich liebe meine Eltern - und die Hühner"

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

„Ich liebe meine Eltern – und die Hühner.“ Das sagt meine dreijährige Enkelin. Einen Tag in der Woche ist sie bei uns, ihren Großeltern. Sie kommt gern. Wir leben auf einem Bauernhof, und da gibt es für das Kind interessante Sachen und vor allem die Tiere.

Wir haben zusammen auf einer Bank im Garten gesessen neben dem Sandkasten, in dem sie gern spielt. Es ist Abend geworden; wir warten darauf, dass ihre Mutter oder ihr Vater sie abholt. Die Kleine ist müde vom Spielen am Tag. Sie fragt immer wieder nach ihren Eltern. Ich antworte ihr: „Die werden gleich kommen und dich abholen.“ Da sagt sie: „Ich liebe meine Eltern – und die Hühner.“. Ich muss lachen. Die Liebe zu den Eltern und den Spaß an den Hühnern in einem Satz zusammenzupacken, das kann wohl nur ein Kind.

Die Hühner auf unserem Hof haben viel Auslauf. Von der Bank aus, auf der meine Enkelin und ich sitzen, können wir sie beobachten. Die Kleine ist mit ihren Gedanken bei den Eltern. Da kräht der Hahn, und ein paar Hühner gackern dazu. Und so hat sie die Gedanken an ihre Eltern, die sie liebt, mit dem verbunden, was sie gerade erlebt. Die Hühner hat sie gern, sieht ihnen zu, wie sie rumlaufen und scharren, füttert sie und holt die Eier aus dem Nest.

Ich liebe meine Eltern und die Hühner. Ich habe das Kind nicht belehrt, dass doch die Liebe zu seinen Eltern und der Spaß an den Hühnern sehr unterschiedliche Dinge sind. Ich habe mich einfach daran gefreut, wie bei einem Kind so etwas Großartiges wie die Liebe zu den Eltern mit etwas Kleinem, Alltäglichen zusammenfindet.

Unser Leben spielt sich ab in dieser Spannung zwischen ganz Großem und den vielen kleinen Dingen, die alltäglich geschehen ist. Da gibt es diesen höchsten Wert, die Liebe. In der Bibel steht, dass die Liebe alles trägt, alles glaubt, alles hofft. Doch die große, hohe Liebe muss sich in kleinen, alltäglichen Dingen zeigen, für ein Kind vielleicht in der Freude an den Tieren. Und wir Erwachsene drücken Liebe und Zuneigung auch in kleinen Zeichen aus – mit einem Zettel auf dem Frühstückstisch „Hab einen schönen Tag!“, mit einer Umarmung, mit einem Stück Schokolade vielleicht, das man dem Kollegen nach der Mittagspause auf den Schreibtisch legt, mit einem selbst gepflückten Blumenstrauß.

So etwas Großartiges wie die Liebe hat mit den kleinen, alltäglichen Dingen zu tun. Wann und wie kann ich heute jemandem so ein kleines Zeichen der Liebe oder der Zuneigung geben? Oder wo mache ich die Erfahrung, dass mir diese große Kraft in etwas Kleinem begegnet?

Manchmal sind es ja wirklich die ganz einfachen Dinge, die sich wie von selbst ergeben und etwas Großartiges aufleuchten lassen. Für mich war das an jenem Abend ein wunderbarer Wolkenhimmel, der in vielen Farben leuchtete. Es war die Ruhe, die ich genießen konnte, nachdem meine Enkelin von der Mutter abgeholt war. Es war das kühle Bier zum Abendessen mit dem kernigen Brot, das jemand im Dorf einmal im Monat backt und uns damit freundlich bedenkt. Es ist die Stunde mit meiner Frau und die Freude darauf, dass unsere Enkelin in ein paar Tagen wieder kommen wird. Mit was wird sie mich dann überraschen, wenn sie wieder etwas Großes im Kleinen entdeckt.

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