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Du Opfer! Über die Unmöglichkeit einer Beschimpfung
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Du Opfer! Über die Unmöglichkeit einer Beschimpfung

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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Die Gruppe der Jugendlichen hatte sich schon eine ganze Zeit lang hochgeschaukelt. Fünf Jungs und drei Mädchen standen einem weiteren Jungen gegenüber. Immer wieder wurde der provoziert, angegangen und abgedrängt. Er war immer weiter zurückgewichen und stand jetzt mit dem Rücken zur Straße. Weiter zurück konnte er nicht gehen, ohne das Risiko, überfahren zu werden. „Hau doch ab, wenn du kannst“, sagte der Wortführer, „du Opfer!“ Die anderen Jugendlichen standen hinter dem, der so schrie. Niemand stellte sich an die Seite des Jungen, der da mit diesen Worten gerade fertig gemacht wurde. Mit diesem fiesen Spruch, höhnisch, spöttisch, voller Verachtung: Du Opfer!

Dann war es vorbei. Der Anführer der Clique spuckte noch vor dem verängstigten Jungen auf den Boden, dann drehte er sich um, der Rest der Meute folgte. Mit hochrotem Kopf, hinter sich die stark befahrene Straße, blieb der Junge allein zurück.

„Du Opfer!“ So pöbeln immer wieder Jugendliche andere an.

Ich frage mich: Warum „Opfer“? Warum verwenden sie so ein Wort, um damit jemanden fertig zu machen? Das Wort „Opfer“ kommt ja eigentlich aus der Religion. 

Ich wollte es wissen und habe zuerst meine Konfirmanden-Teamer gefragt: Warum sagt jemand „Opfer“ als Schimpfwort? Sie zögern. „Das ist doch nur so ein lockerer Spruch“, meint einer. Ein anderer widerspricht. „Ich finde, das ist ein ganz schlimmer Spruch, um jemanden fertig zu machen. ‚Du Opfer!‘ bedeutet doch: Hey, Dich braucht sowieso niemand.“

Eine andere stimmt zu: „Damit drückt man doch aus, dass jemand total wehrlos und hilflos ist, und nichts gegen die Angreifer machen kann.“

Was die Jugendlichen damit sagen: Der Spruch „Du Opfer!“ steht oft am Ende einer ganzen Reihe von Konfliktstufen. Die Jugendlichen kennen auch das Phänomen, dass sich fast immer ein Wortführer damit stark macht. Der will offensichtlich seine Stellung in der Gruppe festigen und sein Selbstwertgefühl steigern. Und meist richtet er sich gegen einen Einzelnen, der vor der übrigen Gruppe damit bloßgestellt wird. Einer, der sich nicht wehren kann, der nichts zu sagen hat und nicht mehr dazu gehört.

Was ich mit am schlimmsten finde: Heute werden auch jüdische Kinder auf dem Schulhof mit diesem Ausspruch verhöhnt. „Du Opfer“ als Beleidigung eines Menschen, dessen Glaubensvorfahren wirklich Opfer unvorstellbarer Gewalt wurden, millionenfach ihr Leben verloren, getötet vom menschenverachtenden System der Nationalsozialisten.

Ich vermute, das ist nicht nur einfach Jugendsprache. Im Begriff „Opfer“ ist Erinnerung an eine tiefe kulturelle Tradition verborgen.

Wenn Jugendliche heute andere demütigen, indem sie sie zu „Opfern“ erklären, bewegen sie sich mit ihrer Sprache in einer uralten Tradition. Seit vielen tausend Jahren lassen sich Opferhandlungen nachweisen. In fast allen Kulturen der Menschheit. Da wurden Altäre gebaut, Tiere geschlachtet und verbrannt, wertvolle Waffen unbenutzbar gemacht und in Gräber gelegt.

Mit einem Opfer übergab man wertvollen Besitz an eine göttliche Macht. Ein Gott oder mehrere Götter sollten gnädig gestimmt werden.

Menschen haben schon vor Urzeiten begriffen, dass man nicht selbst über alle seine Lebensumstände verfügt. Sie erlebten immer wieder: Was Menschen haben, verdanken sie zwar auch ihrem Geschick und ihrer Arbeit. Aber es spielen auch die äußeren Umstände eine Rolle. Die kann der einzelne und auch eine Familie oder Sippe kaum beeinflussen: der glückliche Verlauf der Jagd, gutes Wetter für Saat und Ernte, Freiheit von Krankheit oder Krieg. Dieses Glück wünschte man sich herbei, mit den Opfern wollte man es sozusagen beschwören. Man opferte Gott etwas, in der Hoffnung, dass auch in Zukunft das Leben bewahrt bleibt.

Und weil die Menschen schon immer Gemeinschaftswesen waren, hatten sie ein gutes Gespür dafür, dass alle mittun müssen, jede und jeder. Religiöse Rituale fördern den Zusammenhalt. Dazu gehörten auch die kultischen Opferhandlungen. Sie bauten Altäre und Tempel. Zu festgelegten Zeiten kamen alle am Heiligtum zusammen. Die Opfergaben, die jeder mitbrachte, die Zeremonien mit den Priesterinnen oder Priestern, das gemeinsame Essen und Trinken während des Festes schweißten sie zusammen.

Zuzeiten gab es dafür auch den „Sündenbock“. In der Bibel wird beschrieben, wie einmal im Jahr mit einem Ziegenbock die Menschen ihre Verfehlungen vor Gott bereinigt haben. (3. Mose 16,7-10) In einem heiligen Ritual wurden sie über dem Tier ausgesprochen, ihm sozusagen aufgebürdet. Dann wurde der Ziegenbock, beladen mit den Sünden und Verfehlungen des Volkes, in die Wüste geschickt. Alles Böse, was geschehen ist, wurden die Leute damit los, es wurde aus der Mitte des Volkes von einem einzelnen Tier, eben dem Sündenbock, weggetragen.

Doch es gab schon früh Kritik an diesen Opferungen, gerade von religiösen und gläubigen Menschen. Besonders von den Propheten, von denen die Bibel erzählt. Sie haben klar gesagt: Es geht nicht darum, durch Opfergaben Gott irgendwie gnädig zu stimmen. So mahnte zum Beispiel der Prophet Amos im Namen Gottes: „An euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. (…) Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,21-24) Die Propheten sagten: Gott will kein Opfer. Aber Barmherzigkeit gegenüber sozial Benachteiligten wie Kindern oder Witwen.

Dennoch reden Menschen bis heute von Opfern. Ich glaube, dass sich darin diese verschiedenen Traditionen unbewusst erhalten haben und vermischen. Und darum kommen auch einzelne auf die Idee, andere zu ihren Opfern zu erklären.

Bei den Mobbing-Attacken von Jugendlichen wird ein Einzelner zum Opfer gemacht, gedemütigt, ausgestoßen.

In der englischen Sprache gibt es dafür ein eigenes Wort: „victim“. Opfer im Sinne von „victim“ sind zum Beispiel die Leidtragenden von Katastrophen: Unfallopfer oder Erdbebenopfer. Auch im Zusammenhang von Kriegen oder Verbrechen gibt es die Opfer, die beklagt werden. Ein Opfer ist also jemand, der ohnmächtig und unfreiwillig etwas erleidet, was andere ihm oder ihr zufügen oder das von außen über sie hereinbricht.

Es gibt in der englischen Sprache noch ein anderes Wort für Opfer. Das heißt „sacrifice“. Das ist ein anderer, ein guter Sinn von Opfer. Wenn man freiwillig selbst etwas opfert: Ein Mann hat seine berufliche Karriere geopfert, um für die Familie da zu sein. Oder jemand opfert seine Zeit und arbeitet ehrenamtlich für einen guten Zweck.

Diese Haltung gehört auch zum christlichen Glauben. Christen glauben ja: Gott wurde Mensch, in Jesus. Und Jesus hat gezeigt, dass die Liebe zu Gott in der Liebe zu den Nächsten erfüllt wird. So hat er selbst gelebt. (Johannes 10,11-15) Jesus ging dabei so weit, dass er sein eigenes Leben nicht geschont hat, um diesem Glauben treu zu bleiben: Unbedingte Liebe, keine Gewalt. Der christliche Glaube ermutigt darum immer wieder dazu, selbstlos zugunsten eines anderen zu handeln.

Diese ganz praktische, selbstlose Nächstenliebe kann in Notsituationen dazu führen, dass auch heute jemand sogar sein Leben opfert, um anderen zu helfen. Am deutlichsten wird das vielleicht am Beispiel von Feuerwehrleuten oder Soldatinnen und Soldaten: Sie riskieren freiwillig Gesundheit oder Leben für andere in Not, für ihre Heimat und die Werte des Grundgesetzes. Die Bibel sagt: Wer sein Leben für andere lässt, verdient höchsten Respekt. (Johannes 15,13) Darum wird ein Opfer gerade nicht in Aggression gegen jemanden, sondern in gelebter solidarischer Liebe für andere offenbar.

Mobber dagegen wollen nur eines: Sie wollen ihre Stellung in der Gruppe festigen und damit ihr eigenes Selbstwertgefühl steigern. Schwächere werden zu einer Art Sündenbock, die anderen halten um so mehr zusammen.

Wenn die anderen aus der Gruppe dabeistehen und zuschauen, dann sind sie vielleicht erstmal froh, dass nicht sie selbst zum Opfer wurden. Dann sind sie noch mal davongekommen, werden nicht selbst als hilfloser Schwächling vorgeführt. Der eine dient als Sündenbock.

Das ist nicht akzeptabel, das wussten schon die Propheten und das gilt auch jetzt. Kein Mensch darf andere seinen Zielen opfern. Und darum gilt heute: Nicht zuschauen, sondern sich einmischen oder Hilfe holen.

Von den Jugendlichen wünsche ich mir, dass jemand den Mut aufbringt dem Angreifer laut und deutlich ‚Hör auf damit!‘ zu sagen. Und wenn das nichts bringt: sich mit dem Opfer zu solidarisieren, sich an dessen Seite zu stellen, mit ihm oder ihr gemeinsam weglaufen. Oder Erwachsene dazu zu holen. Denn Hilfe holen ist nicht petzen.

Ich finde es gut, wenn so ein Verhalten auch mit Eltern und in den Schulen geübt wird. Die Erfahrung zeigt: Damit sind schon viele Rüpel aus dem Konzept gebracht worden.

Sprüche wie „Du Opfer“ soll niemand hören müssen. Man selbst kann Opfer bringen. Aber man darf niemanden opfern. An keinem Ort, zu keiner Zeit.

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