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Die kleinen Abschiede und der große Abschied

Die kleinen Abschiede und der große Abschied

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt
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Der November ist ein dunkler Monat, eigentlich der traurigste im Jahr, so empfindet es zumindest meine Frau. Da ist was dran: Der schöne, helle Sommer und auch der goldene Herbst sind endgültig vorbei. Bei November denke ich an: Volkstrauertag, Totensonntag, auch an Abschied vom Jahr. Das Kirchenjahr geht jetzt auch zu Ende. In der Bibelstelle heute in den katholischen Gottesdiensten wird sogar das Weltende beschrieben. Da bricht alles zusammen: die Stadt zerstört, der Tempel niedergebrannt, die Sicherungssysteme wie: Kirche, Staat verlieren an Glaubwürdigkeit, existieren nicht mehr. Eine schon beängstigende Vorstellung. Auf jeden Fall: ein Abschied vom gewohnten Leben.

Aber Abschied ist für mich persönlich eigentlich nichts Neues. Er durchzieht mein Leben. Da gab es viele Abschiede. Abschied von der spielerischen Kindheit hin zum Ernst der Schulzeit. Wechsel von der Grundschule in das Gymnasium, Umzug von einem Stadtteil in einen anderen, verbunden immer mit dem Abschied von Freunden. Der Psychoanalytiker Tobias Brocher nennt das: “kleine Tode sterben“. Für mich fühlte sich das genauso an. Ich habe erlebt: Abschied bedeutet Trauer, Angst vor dem Neuen, aber auch: Glück: denn das Neue war überwiegend schön. So auch nach dem Ende der Schulzeit im Gymnasium: Ich konnte mich endlich dem widmen, was mir Spaß machte: einem interessanten Studium.

Deshalb: Abschiede sind traurig, machen Angst, bieten aber auch die Grundlage für neue, schöne Dinge. Abschied von der Ursprungsfamilie bedeutete: Verlassen eines liebgewordenen Nestes, aber später: Aufbau einer eigenen Familie, eigene Kinder. Abschied vom Studieren bedeutete: Verzicht auf manche Freiheiten, aber in meinem Beruf als Lehrer eben auch: Schüler und Schülerinnen unterrichten zu dürfen, selbst gestalten zu können, Erfahrenes weitergeben zu können.

Dann am Ende meiner Lehrertätigkeit wieder Abschied: meine Pensionierung – wieder ein kleiner Tod: Ich war traurig, Kolleginnen und Kollegen, Schülern und Schülerinnen nicht mehr um mich zu haben, aber auch im Rückblick zufrieden mit dem, was ich bewirkt habe und in der Vorausschau wiederum unsicher beim Blick auf ein Leben ohne Arbeit.

Das ist jetzt schon zehn Jahre her, und die zehn Jahre sind wie im Flug vergangen und waren schön: Ich habe mehr erlebt von Frau, Kindern, Enkelkindern und Freunden, aber die weiteren Abschiede bleiben nicht aus: jetzt nehme ich langsam Abschied von meiner Gesundheit, von meinem Tatendrang. Übrigens ist auch diese Sendung ein Abschied: Es sind meine letzten Sonntagsgedanken – und ich danke mit ihnen auch für Ihr Zuhören und wünsche Ihnen Segen und gute Abschiede und Neuanfänge.

Jetzt mit über 70 denke ich auch immer öfter daran, was mir als letzter Abschied bevorsteht: Er ist radikaler, existenzieller als alle anderen zuvor: der Abschied von den lieben Menschen, die mich umgeben. Nicht der kleine, sondern der große Tod. Der macht Angst. Auch wenn ich bisher immer erfahren habe: Abschied kann auch etwas Schönes, Neues bringen. Angst macht er doch.

Selbst wenn man erlebt hat, dass Abschied auch etwas Neues, Schönes bringen kann: Der Tod ist etwas anders. Angst macht der radikale Abschied, die Einsamkeit, der Blick nach Vorne, ins Ungewisse. Was mir deswegen einfacher fällt: Der Rückblick auf die hellen und die dunklen Seiten im Leben: habe ich etwas geleistet, was habe ich falsch gemacht, bin ich mit meinem Gewissen im Reinen?

Die Rückschau auf das eigene Leben kann zufrieden machen über ein weitgehend gelungenes Leben, kann aber auch traurig machen. Traurig über Fehler, verpasste Chancen, unerledigte Dinge. Noch in meiner Jugend wurden die Selbstzweifel dadurch verstärkt, dass in der katholischen Kirche Strafen für diese Versäumnisse vorausgesagt wurden: das Fegefeuer oder gar die Hölle. Das hat Angst gemacht. Angst vor dem Tod. Die Amtskirche hat deshalb Abhilfe versprochen, die Beichte oder auch die Sterbesakramente. Doch die Angst vor dem, was da kommt, blieb. Was hilft?

Mir hilft die Person Jesu. Drei Eigenschaften von Jesus helfen mir besonders: einmal: Jesus hat sich gerade denen gewidmet, die unsicher waren, Angst hatten und oft im Leben gescheitert waren. Ihrer eigenen Einschätzung nach hatten sie nichts vorzuweisen, konnten auf nichts zurückblicken, hatten kein vorzeigbares Leben: die Zöllner, Armen, Besessenen, eben die Ausgestoßenen. Gerade mit diesen Menschen umgibt sich Jesus. Ihnen widmet er sich. Dem Bettler Lazarus verheißt er den Himmel und nicht dem angesehenen Reichen.

Und was mir als Zweites weiterhilft: Jesus schaut nicht auf das, was jeder leisten sollte, was das Gesetz befiehlt, was die Gesellschaft sinnvoll findet, was der Staat für nötig hält. Jesus achtet auf das, was den Menschen möglich ist. Er sieht die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Menschen haben. Er verurteilt nicht die Ehebrecherin. Er ruft den anderen ins Gedächtnis, wo sie ihre dunklen Seiten haben.

Daraus ergibt sich drittens: Jesus sieht jede einzelne Person. Jede Person ist wertvoll. Auch im Verbrecher erkennt er noch einen Menschen. Der mit ihm gekreuzigte Verbrecher wird mit ihm im Himmel sein. Wenn ich mich auf Jesus verlasse, weiß ich, dass er mich kennt, weiß ich, dass er mich nicht verurteilt -- vielleicht, dass er mich beschämt.

Wenn ich über mein Sterben und meinen Tod nachdenke, dann träume ich davon: Jesus wird mir seine ganze Liebe anbieten, über meine dunklen Seiten hinwegsehen. Dann kann es sein, dass es mir im Tod weh tut, nicht in dem Bedürftigen einen Bruder, eine Schwester erkannt zu haben - und trotzdem wendet sich Jesus nicht von mir ab. Dass es mich beschämt, auf meinen Vorteil geachtet zu haben und Jesus liebt mich trotzdem, dass es mich beschämt, an seiner Liebe gezweifelt zu haben, seine Zuverlässigkeit infrage gestellt zu haben - und trotzdem werde ich von ihm in den Arm genommen. Diese Scham kann weh tun: das ist das Fegefeuer, das ich aus meiner Jugend kenne.

Neulich hat mir ein guter Freund erzählt: Vor seiner letzten Herz-Operation hatte ihm der Chefarzt sagt: „Wir wissen nicht, wie die Operation ausgeht. Es könne durchaus sein, dass sie aus der Narkose nicht mehr aufwachen“. „Nach dem ersten Schock,“ so hat mein Freund weitererzählt, „bin ich ganz ruhig geworden. Ich habe an das gedacht, was mir im Leben gutgetan hat. Da ist mir eine Kantate von Bach eingefallen. Diese Kantate habe ich innerlich gesungen, als ich in den Operationssaal geschoben wurde, und ich war ruhig und erleichtert.“ Man muss wissen: das Hobby meines Freundes ist Musik und er ist Mitglied in einem Orchester. Musik begleitet ihn durchs Leben.

Ich glaube, wenn Jesus mich zuvor in meinem Leben begleitet, wenn ich in ihm auch sonst Trost und Geborgenheit verspürt habe, fällt es mir leichter, auch im Tod auf Jesus zu bauen. Deshalb hoffe ich, dass dieses Bild von Jesus, seine Nähe, mich auch in meinem letzten großen Abschied, dem Tod begleitet. Ich hoffe, ich werde dann ganz ruhig sein und der Abschied von meinen Lieben wird nur ein Intermezzo sein. Denn, wie meine Frau tröstend Papst Johannes Paul zitiert: „die Mitte der Nacht ist auch schon der Anfang eines neuen Tages“.

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