Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Der altgewordene Ballett-Tänzer und die Fotografin
master1305/GettyImages

Der altgewordene Ballett-Tänzer und die Fotografin

Ein Beitrag von Veit Dinkelaker, Evangelischer Pfarrer und Referent am Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt
Beitrag anhören:

Jemand schaut hin. Jemand hört zu. Und dadurch findet einer, der fast am Ende ist, zurück ins Leben. Das habe ich gedacht, als ich vor gut zwanzig Jahren die Geschichte von Maria Mackin in der New York Times (New York Times vom 25. März 1998) gelesen habe. Maria Mackin hat zwei Berufe. Ursprünglich ist sie Ballett-Fotografin. Sie versteht die Kunst, den Moment mit der Kamera einzufangen. Die Drehung einer Tänzerin. Die Leichtigkeit eines Sprungs.

Genau Hinschauen ist wichtig als Fotografin und als Sozialarbeiterin

Aber in diesem Beruf arbeitet Maria Mackin nicht mehr. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Sozialarbeiterin in einer Klinik. Auch da geht es ums Hinschauen und darum, im richtigen Moment zu erfassen: Was ist die Geschichte dieses Menschen, für den ich gerade zuständig bin?

Ein Mann wurde in die Klinik gebracht, in der sie arbeitete. Er war auf der Straße gefunden worden. Ein Wohnsitzloser ohne Familie. Er redet wirres Zeug aus einer vergangenen Zeit. Die Sozialarbeiterin, die auch Fotografin ist, kennt kaum mehr als seinen Namen. Er hat keine Krankenversicherung. Wie soll es weitergehen?

Namen aus längst vergangener Zeit

Maria Mackin tut, was sie so gut kann: hinschauen, hinhören. Der Mann springt in seinem Reden hin und her. Aber es fallen immer wieder Namen, die sie von der Ballett-Bühne kennt. Aus einer längst vergangenen Zeit. Vom Ballett in New York. Sie traut ihren Ohren nicht. Woher weiß dieser alte, wohnsitzlose Mann so viele Einzelheiten über die Tanzkompanie der Nachkriegszeit?

Arthur Bell - einer der ersten afro-amerikanischen Tänzer

Als Expertin für das Ballett sucht Maria Mackin in Archiven nach seinem Namen und findet ihn: Arthur Bell, einer der ersten afro-amerikanischen Tänzer am New Yorker Ballett. Als sie ihn nun genauer auf seine Vergangenheit ansprechen kann, hellt sich sein Blick auf. Die beiden unterhalten sich über seine große Zeit auf der Bühne.

Maria Mackin bringt ihre Kamera mit. Der Mann sitzt im Rollstuhl. Aber ihr gelingt ein Foto, das aussieht, als würde Arthur Bell wieder auf der Bühne stehen. Der Blick stolz gerichtet auf die Hand, die er in der Geste des Tänzers erhoben hat. Klick. Das Foto und die Geschichte von Arthur Bell kommen in die Zeitung. Viele staunen über die Sozialarbeiterin, die so genau hingeschaut und zugehört hat.

Eine tolle Ostergeschichte

Was für eine Ostergeschichte! An einer Stelle in der Bibel steht: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig.“ (Offenbarung 1,18) Arthur Bell war am Ende, als er in das Heim kam. Dass da jemand war, die hinschaut und zuhört, hat ihn wieder lebendig gemacht.

„Siehe, ich bin lebendig“, heißt es in dem Bibelvers. Siehe… Wir erleben gerade, wie wichtig das aufeinander Schauen, das aufeinander Achtgeben ist. Hinsehen, hinhören, behutsam nachfragen, wie es der anderen, dem anderen in der Krise geht. Das macht einen Unterschied und bewirkt viel.

Auch ein Pfarrer schaut genau hin

Ein Pfarrer in Florida liest die Geschichte von Arthur Bell in der Zeitung (APnews vom 15. April 1998). Er weiß von zwei Frauen in seiner Gemeinde, sie sind Schwestern, die mit Geburtsnamen Bell heißen. Nach dem Ostergottesdienst spricht er die beiden an. Sie sind tatsächlich die Schwestern von Arthur Bell. Sie hatten seit Jahrzehnten nichts von ihrem Bruder gehört und dachten schon, er sei tot. Es mag an Ostern gelegen haben, dass sie dann gesagt haben: Er ist auferstanden!

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren