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Das Igelhaus und das Bilderverbot
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Das Igelhaus und das Bilderverbot

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Ich hatte kaum die Hoftür geschlossen, da sprang mir unser Jüngster entgegen. Er zog mich aufgeregt bis in die hinterste Ecke unseres Gartens bis zu einer Ansammlung von Steinen und Stöcken. Alles hatte er sorgfältig angeordnet: Und da stand es nun, das Igelhaus – und daneben unser stolzer Sohn. Wortreich malte er aus, wie wohl sich der Igel während seines Winterschlafes dort fühlen würde. Jener Igel, den wir so gern durch unseren Garten streifen sehen. Wie freuen wir uns jedes Mal über sein Schnaufen und seine drolligen Bewegungen!

Diese Freude hatte meinen Sohn zum Bau des Igelhauses motiviert. Er verband damit folgendes: Zuerst wollte er für den Igel sorgen. Längst wusste er um die Bedrohung vieler Tierarten. Unbedingt wollte er seinen Beitrag leisten und zumindest diesem Tier seine Fürsorge zukommen lassen. Zudem wünschte er sich sehnlichst, dass der Igel dauerhaft bei uns heimisch und somit "unser" Igel werden würde. Mit seiner Fürsorge verband mein Sohn also gewisse Besitzansprüche.

"Fürsorge und Besitzanspruch – oder anders formuliert: Sorge und Erwartung – das ist aber eine brisante Kombination", schoss es mir durch den Kopf! Außer bei unserem Sohn und dem Igel gibt es das nämlich ebenso in zwischenmenschlichen Beziehungen: Beispielsweise, wenn Eltern bestimmte berufliche Leistungen oder Verhaltensweisen von ihren Kindern als Dank für jahrelanges Umsorgen erwarten. Natürlich bedeutet "in Beziehung sein" – zwischen Eltern und Kindern genauso wie in der Liebe zum Lebenspartner oder zur Lebenspartnerin – ein Geben und Nehmen. Wann aber gerät das in eine Schieflage? Wann werden Sorge und Erwartung brisant?

Ich denke, immer dann, wenn eine Seite meint, mit dem eigenen Handeln die vermeintlich erkannten Bedürfnisse der anderen voll zu befriedigen. Dann, wenn sich jemand ein festes Bild vom anderen macht. Dann kann es geschehen, dass allmählich an die Stelle des wirklichen Gegenübers sein Bild tritt.

Sich ein festes Bild voneinander zu machen, davor warnt das so genannte alttestamentliche Bilderverbot. Im Buch Exodus heißt es: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Oft tritt das Bilderverbot anderen Menschen und der gesamten Schöpfung gegenüber hinter dem göttlichen Bilderverbot zurück. Doch gerade hierin zeigt sich eine tiefe Kenntnis zwischenmenschlicher Beziehungen. Denn die Bibel möchte die Menschen vor der Enttäuschung bewahren, die festgefügte Bilder voneinander verursachen können. Denn wenn das wirkliche Gegenüber nicht mehr dem Bild seiner selbst entspricht, dann kommt es zu enttäuschten Erwartungen und Schmerz.

Leider befürchte ich, dass ein solcher Schmerz meinen Sohn treffen wird: Die Chancen, dass der Igel in das für ihn gebaute Haus einziehen wird, stehen schlecht. Die Umgebungsbedingungen passen nicht. Wird mein Sohn dann eines Tages enttäuscht vor mir stehen, weiß ich aber, was ich zu tun habe: Ich werde mit ihm darüber sprechen, wie gut es ist, für jemand Verantwortung zu übernehmen. Und wie wichtig es gleichzeitig ist, die Eigenständigkeit des Gegenübers zu achten. Das kann er im Umgang mit dem Igel üben – und auch mit seinen Freunden und Freundinnen. Und jedes Mal wird er vieles lernen können für den Zeitpunkt, wenn er sich später einmal verlieben wird. Jedenfalls wünsche ich ihm das.

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