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Bilder helfen beim Erinnern
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Bilder helfen beim Erinnern

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Meistens schaffe ich es morgens, die Zeitung wenigstens durchzublättern. Gegen Ende, wenn die Traueranzeigen kommen, schaue ich nicht so genau hin, ich muss ja los. Aber selbst beim schnellen Durchblättern ist mir aufgefallen: Da hat sich etwas verändert, Todesanzeigen sind bunter geworden. Wo vor ein paar Jahren noch Kreuze, Engel, oder die Betenden Hände von Dürer dominiert haben, finden sich heute Segelboote, Motorräder, Sonnenuntergänge, abgeknickte Rosen und immer öfter ein Foto der Verstorbenen. Da schauen mich schlafende Babys an, frech lächelnde Teenager, junge Erwachsene auf Bewerbungsfotos, ein Kneipenwirt am Zapfhahn hinter der Theke, Oma Lina mit ihrer Lieblingsrose.

Offenbar wollen die Angehörigen die Toten so zeigen, wie sie sie in Erinnerung behalten wollen. Vor 200 Jahren, als die Fotografie erfunden wurde, konnten sich die Menschen zum ersten Mal mit einem privaten Bild an Verstorbene erinnern. Ein Grabmal auf dem Friedhof, auf dem die Gesichtszüge eines Toten in Stein gehauen waren, konnten sich nur wenige leisten. Ich hab darüber mit der Trauerexpertin Carmen Berger-Zell von der Diakonie Hessen gesprochen. Sie sagt: „Wir leben in einer Zeit, in der Menschen die Individualität sehr wichtig finden. Es stimmt, seit ein paar Jahren werden religiöse Symbole und Texte in Traueranzeigen immer öfter durch Fotos der Verstorbenen ersetzt.

Diese Fotos helfen vielen Menschen, sich an die Verstorbenen zu erinnern und das ist für den Trauerprozess immens wichtig. Mit dem Foto vergegenwärtigen sie sich, was gewesen ist und lernen, es von dem zu unterscheiden, was jetzt ist. So schaffen sie eine neue Beziehung zum Verstorbenen und geben ihm einen angemessenen Platz in ihrem Leben.“

Mir selbst wäre ein Kreuz auf der Traueranzeige wichtig, weil es für mich ein Zeichen der Hoffnung ist. Aber ich kann jetzt auch verstehen, um was es bei den Fotos geht. Für viele beginnt mit einem Foto die Erinnerung: Was verdanke ich ihm oder ihr? Was möchte ich bewahren? Was erhoffe ich mir für den lieben Menschen auf dem Foto und für mich? Wenn ich morgen wieder viele Traueranzeigen mit Fotos in der Zeitung sehe, stelle ich mir vor: jedes Foto hilft Menschen, sich zu erinnern, sich zu fragen, was bleibt und welche Hoffnung sie trägt.

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