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"Es kommt, wie es kommt!"
Bildquelle Pixabay

"Es kommt, wie es kommt!"

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Der Mühlberg im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen ist ein schönes Wohnviertel. Häuser mit Gärten, wenig Autoverkehr. Es gibt hier allerdings kaum Infrastruktur, keine öffentlichen Plätze, an denen sich Menschen aufhalten und begegnen könnten. Das ist ein Problem vor allem für die, die hier leben und alt geworden sind. Fast eien Viertel aller Mühlbergbewohner sind älter als 65 Jahre. Davon leben über die Hälfte allein. Viele sind einsam.

Das erzählt mir Olaf Rosendahl. Der sympathisch und offen wirkende Sozialbetriebswirt arbeitet auf dem Mühlberg. Sein Projekt heißt Quartiersarbeit, verankert bei der Diakonie.
Er kennt viele im Viertel. Manchen von ihnen merkt er an, dass sie einsam sind. Er erzählt: „Wenn ich mit alten Menschen spreche, merke ich oft, dass viele nicht mehr in der Lage, einen echten Dialog zu führen. Sie sprechen nur noch von sich selbst. Oder erscheinen ängstlich. Andere grübeln den ganzen Tag und werden zynisch.“
Allen gemeinsam ist die Erfahrung: Sie haben niemanden mehr, mit dem sie sich austauschen können. Alte Nachbarn sind weggezogen oder gestorben. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie sagen: „Ich kenne hier ja niemand“. Sie ziehen sich zurück, schauen den ganzen fern. Manche flüchten in Alkohol. Das möchte Olaf Rosendahl ändern. Er ist überzeugt: „Rückzug ist keine Lösung.“

Olaf Rosendahl, der auch Theologie studiert hat, arbeitet bewusst bei der Diakonie. Die Bibel gibt ihm viele Anregungen für seine Arbeit. Er erzählt: „Mein liebster Bibelvers ist aus dem Buch des Propheten Jesaja: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Für mich heißt das: Jeder einzelne Mensch ist Gott so wichtig, dass er ihn oder sie beim Namen kennt. Das ist für mich eine Antriebsfeder, Beziehungen mit Menschen zu suchen, die sich in ihrer Einsamkeit gefangen fühlen. Und auch ihnen das Gefühl zu geben, beim Namen gerufen und wichtig zu sein.“

Deshalb hat Rosendahl mit seinem Team Angebote ins Leben gerufen. Er sagt: „Wir stecken Flugblätter in die Briefkästen und laden die Menschen zu uns ein. Bei der Diakonie haben wir geeignete Räume. Hier haben wir ein Café eingerichtet. Vielen tut es gut, mit anderen gemeinsam zu Mittag zu essen. Und jeden Samstag gibt es ab 7:30 Uhr ein Frühstück“.
Hier gibt es auch Tipps, was man selbst gegen Einsamkeit tun kann. Manche nehmen die Ratschläge auf, werden Leih-Oma oder fangen sogar an zu studieren. Sein Ziel ist, in absehbarer Zeit so etwas wie einen Marktplatz zu schaffen, den es woanders im Stadtteil nicht gibt. Ein Nachbarschaftszentrum.

Zu ihm kommen auch Menschen, die ehrenamtlich etwas für einsame Alte tun wollen. Zurzeit beginnt ein Kurs, bei dem Interessierte zu Senioren-Lotsen ausgebildet werden. An acht Abenden vermittelt er, wie sich Menschen im Alter verändern, welche typischen Themen dran sind und welche Probleme sie haben. Die Absolventen erhalten ein Zertifikat und werden von Olaf Rosendahl vermittelt, um ältere, einsame Menschen zu unterstützen. „So ein Lotsenprojekt gibt es auch in anderen hessischen Städten.“

Olaf Rosendahl ist zuversichtlich, dass sich noch mehr entwickelt. „Ich bin so etwas wie ein professioneller Nachbar“, sagt er. „Ich habe noch viel Arbeit vor mir. Die macht mir Freude. Wenn sich bald noch mehr Leute gegenseitig beim Namen rufen können, habe ich schon einiges erreicht.“
 

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