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Auf dem Weg nach Emmaus – ein Osterspaziergang
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Auf dem Weg nach Emmaus – ein Osterspaziergang

Sabine Kropf-Brandau
Ein Beitrag von

Sabine Kropf-Brandau,

Evangelische Pröpstin, Sprengel Hanau-Hersfeld

Ostermontag. Der Tag danach. Die Geschichte vom leeren Grab und von der Auferstehung ist erzählt. Heute ist danach. Und das ist eigentlich unser Schicksal: Ich lebe immer nach Ostern – Jahrtausende nach Ostern. Ich habe die Osterbotschaft gehört, `zig mal, von Kindheit an, das hat nichts Überraschendes mehr. Jesus ist auferstanden - Grund großer Freude. Aber es fällt mir schwer, in den Jubel einzustimmen, nur weil Ostern im Kalender steht. Und auch die Erfahrung spricht dagegen: Das Leid hört nicht auf, nicht der Schmerz und auch nicht der Tod. Ostern hat all das nicht beendet. Müsste das nicht anders sein? Ostern bedeutet doch: Der Tod hat keine Macht mehr. Das Leben lebt. Wo spüre das denn? Was sage ich der Frau, die ihren Sohn verloren hat? Hilft ihr der Glaube daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Macht das den Schmerz kleiner und das Leben für sie wieder erträglicher? Nein, wenn ich ehrlich bin, nicht. Und das erleben viele Menschen so. Man kann schnell ins Zweifeln kommen, also am besten gar nicht erst ins Hoffen kommen, sich lieber sich aus dem Staub machen. Und den ganzen Schmerz hinter sich lassen. Fortgehen.

-Musik 1   Mnemosyne. Quechua Song

Fortgehen ist keine Lösung. Davon erzählt auch eine Ostergeschichte aus der Bibel.

Lesen Lukas 24, 13-35 (gelesen von einem Mann; Abschnittweise)

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten

Fortgegangen sind auch Kleopas und sein Begleiter. Dieser Begleiter wird nicht mit Namen genannt. Sie haben gehört, dass Frauen aus dem Freundeskreis von Jesus erzählen: Wir sind zum Grab gegangen. Sie wollten dort ihrem verstorbenen Freund nahe sein. An seinem Grab trauern. Doch der Stein vor dem Felsengrab war weg. Und in der Höhle lag kein Leichnam mehr. Zunächst denken sie : Der Leichnam wurde gestohlen. Aber dann sind sie überzeugt: Jesus lebt. Das erzählen die Frauen und diese Nachricht haben auch Kleopas und sein Begleiter gehört. So schön das wäre. Glauben können sie es nicht. Es ändert nichts für sie. Sie hatten sich das alles anders vorgestellt: Jesus sollte doch die römische Fremdherrschaft beenden, die Mächtigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen. Ein neues Reich sollte anbrechen - Jesus hat ja schließlich oft genug davon gesprochen, vom Reich Gottes, in dem die Liebe regiert. Nun hat der Hass gesiegt. Selbst wenn Jesus nicht mehr im Grab liegt, was ändert das?

Es ist alles beim Alten. Also kehren sie zurück zum Alten. Zurück in ihr Heimatdorf. Gleich nach Ostern machen sie sich auf den Weg. Und da sind sie nun auf dem Weg. Kleopas, und Sie und ich – wir alle könnten sein namenloser Begleiter sein. Sie sind auf dem Weg und ----- nichts passiert.

-Musik 2  Mnemosyne. Quechua Song

Und so geht die biblische Geschichte weiter:

Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.

Sie sind auf dem Weg und - nichts passiert.

Keine Vision des Auferstandenen, kein Oster-Wunder. Nur ein unbekannter Mann kommt dazu. So wie mir täglich Menschen begegnen, die meinen Weg kreuzen und mich ein Stück begleiten. Kolleginnen, Mitarbeiter, Bekannte, Freundinnen. Vielleicht ist einer dabei, der zuhört, eine, die nachfragt. Nicht spektakulär. Kein Aha-Erlebnis. Und doch setzt sich beim gemeinsamen Gehen etwas in Gang. Das Gespräch kommt in Gang. Es passiert etwas. Es ändert sich etwas. Hören wir auf das Gespräch der beiden mit dem Unbekannten:

Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Es ändert sich etwas. Zunächst – erster Schritt – es darf alles raus: die kleinen und großen Niederlagen, Enttäuschungen, Irritationen, Erfahrungen von Ohnmacht. Sich alles von der Seele reden, weil jemand zuhört. Das tut gut und es ist wichtig. Reden ist der erste Schritt zurück ins Leben. Aber das Ganze geschieht mit „gehaltenen Augen“ - so steht es in der Bibel. Gehaltene Augen, das kenne ich so: Ich rede über meine Erfahrungen, meine Ängste, meine Trauer und nehme dabei mein Gegenüber kaum noch wahr. Ich merke nicht, dass mir das Reden gut tut und ich kann mich auch nicht auf den anderen einlassen. Und das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass jemand in dieser Situation an meiner Seite ist. Wichtig ist, dass die Mutter, die ihren Sohn verloren hat, jemanden hat, der ihr zuhört. Der ihre Klage und ihre Wut aushält, der sich ihre Fragen anhört, auch wenn er erst einmal keine Antworten für sie hat.

-Musik 3   Hope. Distribution of the Flowers

Doch dann fängt der Unbekannte zu reden an, der bis jetzt immer nur zugehört hat.

Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.

Dieser kurze Abschnitt der biblischen Erzählung macht deutlich: Reden allein reicht nicht, man muss sich auch was sagen lassen können. Jesus zeichnet sich auf dem Weg mit den Jüngern nicht durch besonders empathische Reaktionen aus. Er sagt nicht: „Das klingt furchtbar, was ihr erlebt habt. Ich kann eure Trauer verstehen. Verständlich, dass ihr nur noch weg wollt.“ Vielleicht hat er all das auch gesagt, mag sein, aber überliefert ist, dass er die beiden beleidigt: „Ihr Toren! Ihr Dummköpfe!“ „Träge Herzen“ wirft er ihnen vor. Nicht besonders freundlich. Aber vielleicht nötig.

Nun kommt es drauf an: Lasse ich mir was sagen, vielleicht auch etwas Unangenehmes sagen - oder will ich mich doch nur weiter mit dem beschäftigen, was mir zu schaffen macht? Bleibe ich in meiner Traurigkeit gefangen, weil ich ja doch überzeugt bin, dass meine Sichtweise die einzig wahre ist? Oder bin ich bereit, mich auf einen Blickwechsel einzulassen? Natürlich ist das leicht gesagt. Leichter gesagt als getan, wenn ich in einer Krise stecke und Abschied nehmen muss.. Wie hört die trauernde Mutter diese Aufforderung? Vielleicht so, wie viele guten Freunde, es ihr raten? „Du musst wieder ins Leben zurück, die Trauerzeit muss auch mal zu Ende sein, du darfst dich nicht immer nur an deinen Sohn denken, denk mal an dich.“ So hört sie es oft. Aber: Ist das in unserer Geschichte gemeint?

Jesus legt den Jüngern die Schrift aus. Er stellt das, was sie erlebt haben, in einen anderen Zusammenhang. Jesus ist nicht gescheitert, er hat die Erwartungen nur anders erfüllt als gedacht. Das, was wir als Scheitern erleben, als Leiden und Sterben, das ist der Weg Gottes zum Leben. Gott will das Leben durch den Tod. Das müssen sich die Emmausjünger sagen lassen. Und das kann ich auch der trauernden Mutter so sagen und ihr damit Mut machen, den Zuspruch zu hören, den sie von ihrem eigenen toten Sohn, der ihr immer wieder in ihren Träumen erscheint, hört: „Mama, ihr sollt leben, auch wenn ich nicht mehr da bin.“ Leben auch im Angesicht des Todes. Ganz schwer zu ertragen und doch wichtig zu hören Durch eine andere Brille eine neue Perspektive auf das gleiche Alte. Das dauert. 2 Stunden Weg heißt es in der Geschichte in der Bibel. Oft dauert es viel länger. Manchmal einen ganzen Lebensweg lang.

-Musik 4   Mnemosyne. When Jesus Wept 

Schließlich geht Jesus lange den Weg mit und keiner merkt es. Emmauswege können unendlich lang sein. Und mühsam. Aber gerade deswegen liebe ich diese Ostergeschichte. Ich finde sie so realistisch. So gut für uns Menschen „danach“ – ich lebe nach Ostern. Ostern ergreift mich ja nicht in einem Augenblick und macht mich zu einem jubelnden und befreiten Menschen. Was das bedeutet, dass Jesus lebt und mich begleitet, das erfahre ich auf meinen Lebenswegen – als Begleitung eben. Begleitung, die mich manchmal auch herausfordert, sogar beleidigt. Begleitung, die ich oft genug gar nicht wahrnehme oder erst im Nachhinein erkenne. Und dazu braucht es einen weiteren Schritt auf dem Weg: Dieser ist auch in der biblischen Geschichte beschrieben:

Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

 „Herr, bleibe bei uns“, sagen die Jünger. Jesus ist ihnen unaufgefordert begegnet. Zum Bleiben muss er gebeten werden. So wird er vom Gast zum Gastgeber. Die Gemeinschaft beim Mahl ermöglicht erst die neue Einsicht. Schriftauslegung, die nur den Kopf anspricht, verändert das Leben nicht. Es muss etwas sein, was auch das Herz anspricht. Zerbrochene Hoffnungen, gebrochenes Brot. Sie sitzen also gemeinsam bei Tisch. Und als sie das Brot kosten, merken sie: Brannte nicht unser Herz? Ein Abendessen öffnet ihnen die Augen Augen. Wie kriege ich nun die Augen auf? Wie sehe ich das Heil in meinem Leben, wie erkenne ich den Auferstandenen? Das ist die entscheidende Frage, wenn aus meinem Lebensweg ein Osterspaziergang werden soll.

-Musik 5   Hope. Jerusalem de Espana

Wie kann aus meinem Lebensweg ein Osterspaziergang werden? Was bedeutet Ostern konkret für mich? Der Tod ist besiegt. Jesus lebt und ich darf auch leben. Wo spüre ich das und wo begegne ich dem auferstandenen Jesus? Jesus selber sagt in der Bibel: Ich begegne dir in meinen geringsten Brüdern und Schwestern.

Wenn wir zu Flüchtlingen sagen: „Bleibet bei uns!“ - dann geht es dabei nicht nur um ihr, sondern auch um unser Heil. Ob wir gerade das nun hören wollten? Wenn ich mir vorstelle, dass mir Jesus auf meinen Lebenswegen zur Seite steht, dann denke ich erstmal daran: Ich ahne, das eine göttliche Kraft mich umgibt. Oder ich spüre eine unsichtbare, Hand, die mich hält oder ich entdecke einen Wegweiser, der mir Orientierung gibt. Ich denke doch nicht an den Obdachlosen, der mich um einen Euro anbettelt, oder an die Frau im Bus, neben die ich mich nicht unbedingt setzen will, weil sie komisch aussieht und streng riecht.

Und doch kann ich mich überraschen lassen. Ich brauche den Blick für das, was Leben schafft und aufbrechen, auferstehen will.

Und bei alldem: Es bleibt ein Weg, ein mühsamer Weg. Selbst für die beiden Jünger, denen die Augen doch schon aufgegangen sind. Denn just, als sie ihn erkennen, verschwindet er. Er bleibt unfassbar, ungreifbar. Aber diese flüchtige Erfahrung verändert ihren Weg.

Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

 Zurück nach Jerusalem wollen sie, noch in der Nacht brechen sie auf – in der Bibel werden sie sogar als „Aufstehende“ bezeichnet. Ostern ist also endlich angekommen bei ihnen – und schickt sie wieder auf den Weg. Und ich? Ich könnte doch mitgehen.

-Musik 6   Hope. Blanco flor

Mitgehen auf diesem nachösterlichen Weg.

Natürlich nehme ich dabei mit, was mich prägt und belastet - auch die Trauer und Klage einer Mutter um ihren toten Sohn geht mit auf diesem Weg. Ich hoffe auf Wegbegleiter, die zuhören, die die Klage aushalten und die nahe sind. Vielleicht öffnen sie uns die Augen dafür, dass der Auferstandene uns näher ist, als wir glauben. Vielleicht erzählen sie davon, dass er Tod und Leid kennt und sie überwunden hat. Und das erzähle ich der trauernden Mutter. Ostern heißt nicht, dass ihr Sohn zurückkommt, aber Ostern erzählt von der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ich hoffe, das gibt ihr die Kraft, trotz dieses Verlustes weiter zu leben. Schöne und fröhliche Erinnerungen an die Zeit mit ihrem Sohn werden dabei immer wechseln mit Phasen der tiefen Trauer. Karfreitag und Ostern gehören eben zusammen. Und Ostern erzählt davon, dass der Auferstandene uns immer wieder für das Leben stärken will. Ostern, Fest der Auferstehung, Fest des Lebens. Es wird schon etwas spürbar davon, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird von unseren Augen. Wo alles zu Ende schien, ist der Weg in die Zukunft wieder frei. Aus Lähmung ist Aufbruch geworden. Aus Verzweiflung Hoffnung.

Und an dieser Hoffnung, halte ich fest, trotz mancher Zweifel. So wird mein Leben zu  einem Osterspaziergang. Auch und gerade am Tag nach Ostern. Am Tag danach.

-Musik 7   Mnemosyne. Alleluja Nativitatis

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