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Armes Westkind

Armes Westkind

Ein Beitrag von

Alrun Kopelke-Sylla,

Pfarrerin, Echzell

Bei einer Feier komme ich neben einem Herrn zu sitzen, seine Haare sind ganz leicht angegraut. Mir fallen die Lachfältchen an seinen Augen auf. Wir beginnen das Gespräch mit freundlichem Smalltalk. Ich bemerke den leichten Dialekt und frage, woher er kommt. „Aus Zwickau“ sagt er, „in Sachsen“ und lächelt. „Und Sie? Wo kommen sie her?“ Ich erkläre ihm, dass ich im Siegerland aufgewachsen bin.

„Und wussten Sie, dass Sie ein armes Westkind sind?“ fragt er mich. Ich bin erstmal irritiert. Ich – ein armes Westkind? Dann sehe ich sein schelmisches Lächeln. „Sie haben doch nie diese Freude erlebt, was es heißen kann, ein Westpaket zu bekommen. Es duftet schon von außen, man kann es kaum erwarten. Dann wird das Papier aufgeschlitzt – ganz vorsichtig, um nur ja nichts kaputtzumachen. Und dann warten darin unglaubliche Köstlichkeiten. Orangen, Bananen! Vielleicht auch Kaffee, und Mandeln, und die Schokolade im lila Papier.

Manchmal Marzipan und Nylonstrümpfe für die Damen.“ Der Herr erzählt weiter mit leuchtenden Augen. „Wenn so ein Westpaket kam, das war ein Fest! Und dann hab ich mir immer von der Schokolade jedes Stück nochmal geviertelt und nur winzige Stückchen gegessen, um den Geschmack voll und ganz auszukosten. Ach, ein Westpaket. Das kennen Sie doch gar nicht. Sehen Sie: Sie sind ein armes Westkind.“

„Stimmt“, sage ich lachend, „das kenne ich nicht“. Und ich bin berührt von diesem Mann. Aus den Jahren der DDR erzählt er nicht zuerst den Mangel, die Repressionen und wie beschwerlich das Leben war oder heute ist. Nein, mit Augenzwinkern erzählt er das, was damals besonders war. Er bewahrt sich auf diese Art das Staunen. Und bringt mich zum Staunen.

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