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Als Franzi K. der Armut begegnet
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Als Franzi K. der Armut begegnet

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Alles an ihr ist bunt. Die Haare grünlich, die Haut tätowiert, Silber in Ohren und Nase. Fröhlich ist sie, wenn sie mit Kunden spricht. Übers Wetter, ihren Freund und den Urlaub, den sie neulich hatten. In Ägypten, Fünf-Sterne-Hotel mit Pool, Essen rund um die Uhr. Eine Woche vom Feinsten. Man musste da gar nicht weg. Sind wir aber, sagt sie munter, mal einen Tag. Es gab eine Busfahrt in die Stadt. Haben wir gemacht, wollten ja was vom Land sehen. Auf einmal stockt ihre Rede. Sie holt Luft und sagt: so viele Trümmer. Und die Armut. Ihre Stimme ist jetzt belegt. Die sitzen da und betteln. An jeder Ecke. Und wir fahren mit dem Bus vorbei. Sie holt ein Taschentuch, putzt sich die Nase. Man soll wohl die Tränen nicht sehen. Und wie sie der Armut begegnet ist. Die sie sonst nicht sieht, vielleicht. Oder nicht sehen will. Dann geht es wieder. Die Krise ist vorbei. Das Hotel aber, sagt sie, war Spitze. Morgens sind wir früh zum Pool, noch vor dem Frühstück, haben unsere Handtücher hingelegt. Wie man das so macht, sagt sie. Und wirft ihren Kopf zurück, damit die Haare gut liegen. Alles ist wieder in Form, die Erinnerung vorbei. Die Armut weit weg, in Ägypten. Es bleibt nur der Moment, den sie erzählt. Dicht bei ihr war der Bettler. Vor ihren Augen. Einen Moment kämpfte sie mit den Tränen. Es gibt nicht nur ihr Glück, auch das Unglück der anderen. Als frage sie sich, wie das sein kann. Das mit der Armut. Und den fünf Sternen. Gleichzeitig. Auf Gottes einer Erde. Die Frage liegt ihr auf der Seele. Manchmal meldet sie sich. Dann tut sie weh, wie es aussieht. Sie macht aber wach. Und sehr nachdenklich. Wie jede gute Frage.

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