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Pinguin
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Pinguin

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz

Die Lieblingstiere meines Neffen sind Pinguine. Ehrlich gesagt, ich konnte es nie so ganz nachvollziehen, was an diesen Vögeln toll sein soll: Sie sind ziemlich untersetzt, können mit ihren Stummel-Flügeln nicht fliegen und wenn sie herumlaufen, sieht es allenfalls lustig aus – vorankommen tun sie nicht wirklich.

Dann habe ich durch Zufall im Netz einen Ausschnitt eines Auftritts von Dr. Eckhart von Hirschhausens gesehen. Dort sprach er über Pinguine. Ich blieb hängen und schaute mir den ganzen Ausschnitt an. Danach war ich gerührt und nachdenklich.

Herr Hirschhausen hat auf der Bühne erzählt, dass er im Zoo war und beim Pinguin-Gehege stehen blieb. Er hat sich die Pinguine betrachtet und kam zu dem gleichen Schluss wie ich: Irgendwie eine Fehlkonstruktion.

Dann hat er aber dem Pinguin beim Schwimmen zugeschaut: Pinguine flitzen durchs Wasser, sie sind wendig und können unheimlich effizient weite Strecken schwimmen und tauchen und das auch im eiskalten Wasser des südlichen Polarmeers. Schon erstaunlich – wie schnell man seine Meinung ändern kann. Von wegen Fehlkonstruktion… Der Pinguin ist an Land nur nicht in seinem Element!

Seine Überlegungen zum Pinguin haben ihm zweierlei gezeigt, fährt Eckart von Hirschhausen fort: Erstens: wie schnell man manchmal mit seinen Urteilen ist und etwas oder jemanden als „Fehlkonstruktion“ abstempelt. Und zweitens, dass derselbe Typ in unterschiedlichen Umgebungen ganz anders wirken kann.

Da hat er Recht, denke ich: Wenn jemand so richtig in seinem Element ist, dann ist er effizient und elegant, dass ich ihn nur bewundern kann. Steht er dagegen an einem Platz, für den er oder sie eigentlich nicht gemacht ist, wird es im besten Falle komisch.

Und der Pinguin kann gar nichts dafür. Er ist so geschaffen. Seine Flügel taugen nicht zum Fliegen – da kann er sich anstrengen wie er will. Er wird auch nach Selbstfindungskurs und Yoga und intensivem Training nicht fliegen können. Auch nicht, wenn er es wirklich will.

Wenn ich jetzt an meine Arbeit denke, werde ich noch nachdenklicher: Von wie vielen meiner Mitmenschen erwarte ich, dass sie es doch endlich mal lernen könnten mit dem Fliegen? Von wie vielen meiner Kollegen habe ich nur noch nicht gesehen, wie super sie im Wasser unterwegs sind? Erwarte ich von dem einen oder anderen Schülern zu oft, dass er doch bitte ein bisschen schneller laufen könnte?

Gott hat den Pinguin so geschaffen: Ohne Knie, mit Stummelflügeln, aber mit toller Schwimmfähigkeit und mit Füßen, die auch auf Eis nie wirklich kalt werden! (So was hätte ich auch gerne!)
Ich glaube, Gott hat auch bei den Menschen Unterschiede und scheinbare „Fehlkonstruktionen“ nicht nur billigend in Kauf genommen. Er hat sie so gewollt. Weil sie für irgendetwas gut sind. Weil sie andere, ganz besondere Fähigkeiten haben.

Das kurze Video mit dem Pinguin hat mich wieder daran erinnert, dass es nicht darum geht, immerzu an seinen Schwächen zu arbeiten, sondern darum, für sich den Platz zu suchen, an dem ich meine Fähigkeiten optimal einsetzen kann. - Für den Pinguin wird das sicher nicht der Dschungel sein.

Und was ist mit den Menschen, die sich ihr Umfeld nicht aussuchen können? Deren ganz besondere Fähigkeiten einfach noch niemand entdeckt hat? – Ich will mich für sie einsetzen. Da wo ich ihnen begegne, in meinem Arbeitsbereich will ich dafür sorgen, dass sie die Aufgabe übernehmen können, die ihnen entspricht. Wenigstens ein kleiner Teil soll ihr Element sein.

Und die, die vielleicht schon erkannt haben, dass sie ein Pinguin sind, und dass es im Dschungel für sie nie gut sein wird, die möchte ich ermutigen, kleine Schritte Richtung Meer zu unternehmen. Vielleicht kann ich durch meine Arbeit den einen oder anderen kleinen Pinguin dazu ermutigen, zu sich zu stehen und es mal im Meer zu versuchen anstatt im Dschungel unglücklich zu sein.

Auf einmal sind mir die Pinguine richtig sympathisch – ich muss meinen Neffen mal fragen, ob er sich über das Wesen der Pinguine in diesem Sinn schon mal Gedanken gemacht hat.

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