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Bei Krankheit meine inneren Kräfte mobilisieren
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Bei Krankheit meine inneren Kräfte mobilisieren

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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Besichtigung im Urlaub, ein Krankenhaus. Nein, nicht weil ich krank geworden wäre. Sondern weil das Hôtel-Dieu in der französischen Stadt Beaune früher ein Krankenhaus war. Es ist die große Sehenswürdigkeit dieser Stadt im Burgund. 500 Jahre lang wurden hier Kranke medizinisch versorgt und von Ordensschwestern gepflegt.

Ein Krankenhaus wie eine Kirche

Heute ist das Hôtel-Dieu als Krankenhaus außer Betrieb. Es gibt eine moderne Klinik am Ort. Aber in das ehemalige Spital kommen nach wie vor jeden Tag Hunderte von Besuchern.

Auch ich gehe durch den großen Armensaal. Dreißig Patienten konnten hier gleichzeitig gepflegt werden. Die Betten stehen längs an der Wand. Sie sehen schön aus mit der sauberen Bettwäsche und den dunkelroten schweren Vorhängen, die man um jedes Bett herum zuziehen und so für Sichtschutz sorgen kann. Ein Krankenzimmer von den Ausmaßen einer Kirche. Und jeder einzelne Patient hatte von seinem Bett aus einen freien Blick zum Altar.

Im Mittelalter war für Kranke Arznei genauso wichtig wie der Glaube

Für die Klostermedizin im Mittelalter war völlig selbstverständlich, dass man zur Heilung eines Kranken mehr als nur medizinisches Können braucht. Darum wurden in den Klöstern die Krankensäle wie eine Kapelle gebaut. So konnten die Patienten an den Gottesdiensten teilnehmen. Für sie war der Glaube an Christus genauso notwendig wie die Arzneien, damit Körper und Seele heilen können.

Reiche Menschen hatten zu Hause die nötigen Räume und auch die finanziellen Mittel, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Arme jedoch landeten oft auf der Straße genauso wie Reisende, die unterwegs krank wurden oder sich verletzt hatten.

Eines der ältesten Krankenhäuser Deutschlands steht in Frankfurt

Auch in der Messestadt Frankfurt gab es solche unversorgten Notfälle. Das Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt gibt es schon seit mehr als 800 Jahren. Es gilt als eines der ältesten Spitäler in Deutschland. Früher befanden sich die Gebäude des Hospitals in der Innenstadt direkt am Main. Und auch hier waren die Patienten wie in einer Kirche untergebracht.

Man denkt zuerst: Natürlich, damals konnte die Medizin ja nur wenig helfen. Da blieb den Menschen eben nur hoffen und beten, dass Gott ihnen beisteht. Heute, wo wir moderne Medizin haben, braucht man das doch nicht mehr.

Aber so ist es nicht. Denn auch heute gibt es in fast jedem Krankenhaus eine Kapelle oder einen Raum der Stille. Heilung betrifft eben nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Jedes Krankenhaus hat auch heute eine Kapelle oder ein Raum der Stille

Selbst in den modernsten Kliniken gibt es Krankenhauskapellen und Räume der Stille. „Wozu?“, könnte man fragen. In der Klinik geht es doch nicht ums Beten, sondern darum, was Ärztinnen und Pflegende für einen Kranken tun können.

Ja, Heilung bedeutet, dass mein Körper wieder gesund wird. Aber bei einer Krankheit oder nach einem Unfall kommen auch viele Gefühle und Gedanken hoch. Jede Krankheit führt einen an die eigenen Grenzen.

Heilung betrifft nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele

Darum sagt die Weltgesundheitsorganisation der UNO: Zur Gesundheit gehört mehr, als aktuell nicht krank zu sein. Gesund ist, wem es „körperlich, sozial und geistig“ gutgeht. Nach dieser Definition sind auch Stress, Angst, Einsamkeit oder Enttäuschung als Krankheiten anzusehen.

Wer schon mal in der Notaufnahme eines Krankenhauses war, weiß, dass da ganz vieles eine Rolle spielt. Man hat Schmerzen oder Angst vor einer belastenden Diagnose. Der Alltag wird unterbrochen, den Abläufen im Klinikalltag ist man mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Fremde Menschen umgeben einen bis hin zu den Bettnachbarn. Und ist man bettlägerig, muss man fremde Hilfe annehmen.

Die Krankenhauskapelle - eine Oase mitten im Klinikbetrieb

Da ist die Kapelle im Krankenhaus - mitten im Klinikbetrieb - wie eine Oase. Meist liegt sie etwas abseits der Hauptwege. Ruhe und Stille empfangen einen. Der Raum wirkt warm und freundlich. Manchmal brennen Kerzen an einer geschützten Stelle. Es ist, als würde man umfangen von einem besonderen Schutz.

Genau darum geht es. Hier ist ein Ort für die Befürchtungen und Fragen, die mich umtreiben, wenn ich krank bin. Auch für das, was ich hoffe. Wenn ich in der Kapelle eines Krankenhauses bin, denke ich daran: Hier kommen auch andere Patienten her mit ihrer Not und ihrem Leiden, mit ihren Gebeten und mit ihrem Vertrauen, dass Gott ihnen nahe ist und hilft. Ich finde das einen tröstlichen Gedanken.

Kranke Menschen in der Bibel

In der Bibel werden kranke Menschen besonders liebevoll ermutigt: Bring dein Leid vor Gott! Klage. Weine. Gott sieht deinen Schmerz. Die Bibel drückt das ganz konkret aus: Gott verbindet Wunden. Gott sagt in der Bibel: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ (2. Mose 15,26)

Das Vertrauen und die Hoffnung in der Bibel ist: Gott verarztet nicht nur die äußerlichen Wunden. Gott sieht den ganzen Menschen. An einer Bibelstelle sagt Gott. „Ich will sie heilen und gesund machen und ihnen Frieden geben.“ (Jeremia 33,6) Heilwerden und Frieden finden – dazu laden die Kapellen in Krankenhäusern ein.

Jede Kapelle in einem Krankenhaus erinnert an die Zusage: Gott ist Menschen nahe besonders dann, wenn etwas aus dem Lot geraten ist.

Die Heilungen durch Jesus

Jesus hat viele Kranke geheilt. In den biblischen Geschichten wird oft erzählt, wie feinfühlig Jesus auf Menschen eingegangen ist. Er hat sich mit ihnen unterhalten. Er hat sie gefragt, was ihnen fehlt. Er hat ihre Ängste und Sorgen angesehen und ihnen Mut gemacht. Erst dadurch kam es dann zur Befreiung von einem Leiden.

Für Jesus war klar: Glaube kann und soll Menschen heilen. Glaubwürdig ist Jesus als der Heilende für viele auch, weil er selbst Leiden erfahren und durchlitten hat.

Spiritual Care - Körperliche Genesung und seelischer Prozess gehören zusammen

Medizin und Theologie sind heute getrennte Wissenschaften. Die Verbindung von Heilung und Heil wurde über die Jahrhunderte hinweg gelockert. Doch inzwischen gibt es ein Umdenken. Medizinerinnen und Mediziner schauen neu darauf, dass die körperliche Genesung und der seelische Prozess zusammengehören. Zum Beispiel gibt es am Klinikum der Universität München seit zehn Jahren eine Professur für Spiritual Care. Da geht es darum, was einem Menschen bei der Genesung hilft. Und dazu gehört eben auch, für das zu sorgen, was ihm innere Kraft gibt, was seinen Mut stärkt, wohin er seine Ängste und seine Hoffnung richten kann.

Spiritual Care ersetzt nicht, was auch sonst schon in einer Klinik für Patienten getan wird. Vielen Ärztinnen und Ärzten ist ebenfalls wichtig, den Menschen als ganzen wahrzunehmen und zu behandeln. Es geht um Kooperation, nicht um Konkurrenz zwischen den heilenden Disziplinen.

Gott kann helfen

Auch wenn Gott einen nicht direkt wieder gesund macht, gibt es andere Wege, auf denen Gott heil machen kann, selbst wenn die Krankheit bleibt. Man kann Gott klagen, wie sehr man unter der Situation leidet. Und man kann im Gebet neue Zuversicht finden: Vielleicht muss ich mit Narben und mit dem, was von einer Krankheit bleibt, leben. Aber es geht weiter! Und es kann trotzdem gut werden. Gott, hilf mir dabei!

Eine Krankenhauskapelle ist dafür ein schützender Ort. Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen können hier Gottesdienste mitfeiern. Sie können aber auch ganz für sich alleine um Kraft und Heilung beten. Und die, die sie besuchen kommen, können ebenso wie die Pflegenden hier einmal durchschnaufen.

Krankenhauskapellen sind Orte der Suche und des Findens

Räume der Stille und Kapellen im Krankenhaus sind ein Ort, um zu suchen und zu finden: Was hilft mir jetzt? Was tröstet mich und gibt mir neuen Mut? Manchmal ist es schon die Kerze, die in der Krankenhauskapelle brennt und daran erinnert: Es gibt eine Kraft im Leben, die über meine Kraft hinausgeht. Das kann ein Hoffnungsfunke sein und heil machen, selbst wenn man krank bleibt und sogar wenn es ans Sterben geht.

Ein altes Kirchenlied drückt das mit Worten aus, die ich sehr schön finde: „Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus für uns gestorben, der hat das Heil erworben.“ (Evangelisches Gesangbuch 320,4 „Ich singe dir mit Herz und Mund“) Allen, die heute krank sind, wünsche ich den Beistand und die Kraft, die sie brauchen, und gute Besserung.

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