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Wenn Steine schreien
Bild: Enrique Meseguer/Pixabay

Wenn Steine schreien

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Können Steine schreien? Nein, antworte ich mit aller Deutlichkeit. Steine sind leblos und stumm. Sie bieten zwar Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Sie selbst sind aber leblos. Man kann zwar mit ihnen Geräusche erzeugen, aber sie selbst bleiben stumm. Trotzdem spricht Jesus von schreienden Steinen.

Jeus sagt: "Wenn diese Menschen schweigen, werden die Steine schreien!" (Lukas 19,40)

Jüngerinnen und Jünger singen laut und jubeln, als Jesus in Jerusalem einzieht. Sie feiern ihn als den Messias und ihren König. Das ist für andere unerträglich. Sie fordern Jesus auf, die Jünger zum Schweigen zu bringen. Die religiös Alteingesessenen fühlen sich von Jesus und seiner Bewegung provoziert. Ihre Frömmigkeit und ihr Machtgehabe werden in Frage gestellt. Jesus nimmt einen ganz eigenen Blick auf die Menschen ein. Er wertschätzt sie. Er versöhnt sie mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und mit Gott. Gerade die Einfachen, die Abgehängten, die Verlorenen können anfangen, wieder zu hoffen. Dagegen fühlen die Religionsführer sich von Jesu Auftreten bedroht. Ihre Positionen werden in Frage gestellt. Und als dann noch um Jesus herum Gott gelobt und gesungen wird, möchten Sie "basta" sagen. Es ist genug. Und Jesus antwortet ihnen: "Wenn diese Menschen, die zu mir gehören schweigen, werden die Steine schreien!" (Lukas 19,40) Ein starker Satz.

Wenn Steine schreien, ist das symbolisch zu verstehen

Ja, Steine sind leblos und stumm! Wenn sie schreien, ist das symbolisch zu verstehen. Sie erinnern daran: die Menschen, die vorher hier gesungen haben, sind tot. Gebäude, wie zum Beispiel Tempel, Moscheen und Kirchen sind zerstört. Dann sind da nur noch Steine, die davon sprechen, was hier geschehen ist. Steine sind also symbolisch Zeugen für Unrecht. Sie liegen da oder stehen in Ruinen. Wenn ich sie anschaue, höre ich ihre Geschichte. Sie machen deutlich: Die Wahrheit ist nicht zu unterdrücken.

Einerseits macht mich das traurig, dass es überall auf der Welt Steine gibt, die davon sprechen, was an Leidvollem geschehen ist. Andererseits bin ich froh, dass sie als stumme Zeugen symbolisch aufschreien und uns daran erinnern.

Der Gedanke an schreiende Steine macht Mut

"Wenn die Menschen schweigen, werden die Steine schreien." (Lukas 19,40) Dieser Satz lässt mich hoffen. Die Stimmen werden nicht verstummen. Sie berichten für alle hörbar, wo Menschen zu Unrecht in Gefängnissen oder Lagern verschwinden. Der Gedanke an die schreienden Steine macht mir selbst Mut, aus meiner bequemen Situation herauszukommen und kraftvolle Töne zu finden für eine bessere Welt. Für sie lasst uns neue Lieder anstimmen und dafür eintreten, dass es gerecht zugeht.

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