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Vielfalt statt Einfalt
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Vielfalt statt Einfalt

Anke Haendler-Kläsener
Ein Beitrag von Anke Haendler-Kläsener, Evangelische Krankenhauspfarrerin, Flieden

“Die Mischung macht´s!” so muss ich oft denken, wenn ich meine Studierenden anschaue. Seit zehn Jahren arbeite ich als Pfarrerin an der Hochschule Fulda, und unterschiedlicher könnten die jungen Leute kaum sein. Wenn ich an unserem Gemeindeabend meine Blicke schweifen lasse, dann sehe ich die verschiedensten Menschen:

  • Studierende aus Deutschland, aus Kamerun, aus Indonesien, Andalusien und Singapur
  • Männer genauso wie Frauen, die alles Mögliche studieren von Elektrotechnik und Informatik über Lebensmitteltechnologie, wirtschaftliche Fächer und Sozial- und Kulturwissenschaften
  • Ich sehe
  • Menschen, die zur evangelischen Kirche gehören, zu verschiedensten Freikirchen, Charismatiker, Katholiken, aber auch Muslime, religiös Ungebundene und sogar Atheisten
  • Weiße und Schwarze, Asiaten, Latinos
  • schweigsame Menschen genauso wie redselige oder überschäumende
  • Mutige, die einen Abend thematisch selbst gestalten genauso wie andere, die sich lieber im Hintergrund halten, indem sie vorher kochen oder hinterher aufräumen und spülen
  • ganz Junge, frisch der Schulbank entronnen und andere, die schon Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen
  • fröhlich Ungestüme, aber auch skeptisch Nachdenkliche, die schon vom Leben gebeutelt worden sind

Musik 1  Cesaria Evora: Mar e morada de Saudade  

Wenn ich meine Blicke so schweifen lasse, dann sehe ich in unserer Hochschulgemeinde ein buntes Allerlei, eine breite Vielfalt. Alle sind unterschiedlich und andersartig. Manchmal sogar fremd. Und ich frage mich: Wie soll ich diesen Sack Flöhe nur hüten? Wie kriege ich die alle unter einen Hut? Wo ist die Schnittmenge?

Deshalb freue ich mich, wenn ich heute am Pfingstmontag im 1. Korintherbrief aus der Bibel höre: Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem.(1. Kor 12,4-6)

Die Verschiedenheit ist gewollt! Jede und jeder darf so sein, wie er oder sie ist. Alle dürfen das pflegen, was sie mitbringen. Unterschiedlich sein und das wertschätzen, das ist es was uns ausmacht. Auch wenn der Kameruner die indonesische Studentin erst mal nicht versteht. Auch wenn sich der  Anhänger einer Pfingstkirche über die dröge Art und Weise wundert, wie wir in der Landeskirche unsere Gottesdienste feiern. Auch wenn das Essen, was eine junge Frau aus Eritrea kocht, manch anderen scharf wie Feuer schmeckt. Wir dürfen so sein, wie wir sind. Nicht nur als Zugeständnis: „Naja, es geht halt nicht anders, wir werden die Ecken und Kanten schon noch abschleifen…“, sondern als von Gott so gewollte Lebensform. Hinter allen verbirgt sich ein Geist, ein Herr, ein Gott. Indem wir verschieden und bunt sind, sind wir Gottes Kirche. Wir sind das Volk Gottes. Nicht obwohl, sondern weil …  

Musik 2 Cesaria Evora: Coragem Irmon, Blende  

Das klingt wie eine Illusion. Wie ein Traum. Für manche vielleicht sogar wie ein Alptraum? Und ich muss zugeben, dies Konzept klappt ja auch nicht immer. Nicht immer herrschen Friede, Freude, Eierkuchen. Es passiert schon, dass manche sich übergangen fühlen oder übervorteilt. Vielleicht schmeckt das Essen doch manchmal zu scharf und ich kann es nicht schlucken. Vielleicht wünschte ich, eine inhaltliche Diskussion könnte weiter in die Tiefe führen, aber sprachlich kommen wir an unsere Grenzen – und zumindest mein Französisch ist grottenschlecht. Und trotzdem bleiben die Sätze des Paulus als eine Herausforderung stehen: Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott.

Vielfalt ist anstrengend. Ja, manchmal läuft es einfacher, vertrauter, wenn wir unter uns bleiben. Wenn wir homogener sind.

In der hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, gibt es eine Geschichte, die von diesem Wunsch, unter sich zu bleiben, erzählt. Das Volk Israel ist aus Ägypten befreit worden und nähert sich auf seiner Flucht dem verheißenen Land. Die, die schon vorher dort wohnten, haben Angst: Sie fürchteten sich so sehr vor dem Volk, das so groß war, (so heißt es im 4. Buch Mose) und ihnen graute vor den Israeliten. Und sie sprachen (…): Nun wird dieser Haufe auffressen, was um uns herum ist, wie ein Rind das Gras auf dem Felde abfrisst.(Numeri 22,4)  Die Fremden werden uns die Haare vom Kopf fressen, fürchten sie. Sie wünschen die Israeliten zum Teufel. Im wahrsten Sinne des Wortes! Sie lassen sogar jemanden von weit her kommen und bezahlen ihn, damit er das Volk Israel verflucht - in der Hoffnung, es so loszuwerden und wieder unter sich zu sein. Die da zu uns kommen, sind einfach zu viele. Sie bedecken unser ganzes Land. Sie kriegen zu viele Kinder und machen sich zu breit. Sie wollen hier bei uns leben. Eine Flüchtlingsschwemme. Eine Flut.

Lieber bleiben wir unter uns und pflegen unsere eigene (Leit?-) Kultur und unseren eigenen Glauben. Schön vertraut und kuschelig. Keine Menschen mit Kopftüchern oder anderer Sprache … Schwarz-weiß ist einfacher als bunt. So höre ich manche Stimmen aus meinem Umfeld und finde darin die Stimmen der Menschen von damals wider, als die Israeliten von ihrer Flucht aus Ägypten zu ihnen kommen. Bleibt nur weg! Gottes Fluch soll euch treffen und vertreiben!

Musik 3 CesariaEvora, Sodade, Blende 

Aber was dann folgt, ist eine wunderbar ironische Erzählung. Die Einheitlichkeit, das Stromlinienförmige, das sich die Feinde Israels wünschen, ist so gar nicht im Sinne Gottes. Er ist schon damals ein Gott, der sich verschiedene Gaben, verschiedene Ämter, verschiedene Kräfte wünscht. Die Bibel hat wirklich Humor, um ihren Standpunkt deutlich zu machen. Denn Bileam, der Mann, den sie rufen, um Israel zu verfluchen, kommt gar nicht dazu. Gott will sein Volk, das da von außen kommt und das er liebt, nicht verfluchen lassen. Bileam wird vom König Balak gerufen. Er will nicht, doch er geht los. Sattelt seinen Esel und macht sich auf den Weg. Um Bileam aufzuhalten, schickt Gott seinen Engel mit einem Schwert: Stop! Du sollst nicht fluchen, sondern segnen! Bileam macht sich zwar auf den weiten Weg, aber er wird gestört. Erst stellt ihn Gott selbst zur Rede und versucht, ihn auszubremsen. Und als das alles nichts hilft, schickt er ihm ausgerechnet eine Eselin. Sie hat offene Augen und sieht den Engel Gottes, der sich ihnen in den Weg stellt. Sie hat die Gabe, hinter das Vordergründige zu schauen und sieht mehr als Bileam. Sie hat Augen des Glaubens. Aber Bileam ist blind. Er erkennt den Engel nicht. Er nimmt ihn überhaupt nicht wahr und ärgert sich über die ungehorsame Eselin. Sie aber leistet Widerstand. Sie ist erfüllt vom Geist Gottes, und der macht sie rebellisch.

Bileam meint, sie wolle ihn ärgern, weil sie ihm ausweicht, dabei vom Weg abkommt und sogar seinen Fuß einquetscht. In einer modernen Übertragung von Klaus-Peter Hertzsch heißt es:

Gott schickt den Engel mit dem Schwert –
und plötzlich war der Weg versperrt.
Der Esel sah es gleich. Er stockte,
stellte die Beine quer und bockte.
Der Engel hielt den Weg verstellt.
Der Esel drückte sich ins Feld.
Allein der Mensch, der stolze Reiter,
sah nur den Weg und gar nichts weiter.
Er schlug sein Tier. Das seufzte schwach.
Der Engel blickte ihnen nach.

So geht es dreimal. Dreimal schlägt Bileam die Eselin, die versucht, dem Engel auszuweichen. Als er gar nicht zu Verstand kommt, öffnet sie den Mund und spricht zu ihm. In ihrer Not verhält sie sich ganz anders, als es von einem Tier zu erwarten ist. Sie ist Gott näher als Bileam und öffnet ihm so die Augen. Endlich kann auch er den Engel Gottes sehen. In der Ballade heißt es folgendermaßen:

Denn plötzlich sah er alles klar,
was ihm bisher verborgen war.
Er sah den Engel zornig blicken.
Er fühlte seine Beine knicken.
Er brach ins Knie. Er warf sich hin,
gleich neben seine Eselin.
Nun schwieg das Tier. Nun schwieg der Mann.
Der Engel fing zu reden an.

Musik 4  Cesaria Evora, Partida, Blende

In der Bibel wird öfters davon berichtet, dass die Tiere dem Willen Gottes besonders nahe sind. Sie sind seine Geschöpfe und haben sich diese Nähe bewahrt. Als die Bundeslade, das Allerheiligste an einen neuen Ort gebracht wird, sind es zwei säugende Kühe, die ihr den Weg weisen. (1. Samuel 6,10 ff) Als Daniel in eine Löwengrube geworfen wird, um ihn umzubringen, da rühren ihn diese Löwen nicht an und bewahren ihn so vorm sicheren Tod. Und im einem messianischen Text bei Jesaja heißt es sogar ganz weihnachtlich: Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt´s nicht, und mein Volk versteht´s nicht.(Jesaja 1,3) Tiere gehören zu Gottes Schöpfung dazu und sind den Menschen darin sogar manchmal einen Schritt voraus. So ist es auch bei der Geschichte von Bileam: Wo Bileam blind ist und aggressiv reagiert, da versteht seine Eselin mehr und schützt ihn. Sie bewahrt ihn davor zu verfluchen, wo er segnen soll.

„Ich will Bileams Eselin sein!“ so hat der Reformator Jan Hus im Jahr 1410 in einer Predigt gesagt. Er ist begeistert davon, wie diese Eselin sich den Mächtigen widersetzt. Er bewundert sie, wie sie Widerstand leistet und Gott treu bleibt. Und genau so hat er es dann auch gehalten und ist dem treu geblieben, was er als Gottes Wort erkannte. Er hätte widerrufen und sein eigenes Leben damit retten können. Aber dann wäre er Gott untreu gewesen, und das stand nicht zur Debatte. So ist er vor 600 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. 

Wer Gottes Engel sieht, hat Konsequenzen zu tragen. Seinen Worten zu folgen kann schmerzhaft sein. . Die Eselin wird von Bileam hart geschlagen. Und mancher hat seine Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlt: Jan Hus wird sogar umgebracht.

Musik 5  Cesaria Evora, Quem Boe, Blende  

Bileam versteht: Gott gibt sich nicht dazu her, sein Volk zu verfluchen, nur damit alles beim Alten bleibt und Menschen ihr Leben nicht verändern müssen. Er lässt sich nicht dazu missbrauchen, die Uniformität durchzusetzen. Er ist kein Gott, der das Leben gleichförmig mag, sondern er möchte verschiedene Gaben, verschiedene Ämter, verschiedene Kräfte. Deshalb traut er den Menschen zu Bileams Zeiten zu, um ihr Miteinander zu ringen und es irgendwie hinzukriegen. Klar wäre es einfacher gewesen, ein Land vom nächsten, ein Volk vom anderen zu trennen. Aber so einfach wird es den Menschen nicht gemacht. So einfach wird es auch uns heute nicht gemacht. In der Tat können Konflikte entstehen, wenn Unterschiedliches aufeinander prallt. Es gibt keine Garantie dafür, dass es gelingt. Aber wenn Gott es uns zumutet, dann traut er es uns auch zu miteinander zu ringen, einen Weg zu finden, der jedem einen Freiraum eröffnet, seine Gaben einzubringen. Er gibt uns die Kraft, einander zu respektieren und zu tolerieren, zu ertragen im wahrsten Sinne des Wortes. Gott erfüllt uns mit seinem Geist und steht hinter unseren Versuchen. Und das kann uns anspornen kreativ zu werden. Nach neuen Wegen, neuen Lebensformen, neuem Miteinander zu suchen. In meiner Hochschulgemeinde erlebe ich, wie dieser Geist von Pfingsten gelebt werden kann. Wie er uns bereichert. Junge Menschen, die bisher nur in ihren eigenen Kreisen lebten, lernen sich kennen und schließen Freundschaft. Sie bilden nicht nur Arbeitsgruppen, sondern treffen sich am Wochenende zum Fußballspielen. Sie holen sich gegenseitig zum Gottesdienst ab und kochen danach zusammen. Manchmal sanft und vertraut und manchmal feurig und scharf. Es sind verschiedene Gaben. Ich bin mir sicher, mit diesem Satz im Herzen gelingt nicht nur Zusammenleben in unserer Studentengemeinde, sondern auch im Alltag von uns allen.

Musik 6 Cesaria Evora, Sangue de Beirona

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