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Suchet der Stadt Bestes
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Suchet der Stadt Bestes

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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Mittwochvormittag, Frühjahr 2018, Gymnasium Hohe Landesschule Hanau. Evangelischer Religionsunterricht in der Oberstufe.

Ich habe was vorbereitet. Zwei Schilder, eins mit einem großen ‚U‘ und eins mit einem großen ‚H‘. Der Unterricht beginnt, ich halte die beiden Schilder hoch.

‚UH‘ macht meine Klasse. ‚Ups, verkehrt herum‘, sage ich und tausche die Reihenfolge der Schilder aus. Jetzt rufen alle ‚Huh‘ - es klingt, als würde die isländische Nationalmannschaft angefeuert.

‚Das ist kein Laut, das sind Anfangsbuchstaben‘, gebe ich als Tipp.

‚H-U ist das Autokennzeichen für Hanau‘, meint Lisa. Die macht gerade Führerschein. ‚Die Richtung stimmt‘, antworte ich, es hat tatsächlich was mit Hanau zu tun, H und U stehen hier für zwei Worte: ‚Hanauer Union‘.

‚Is das ‚n Fußballverein?‘ - Jens ruft gern was einfach so in die Klasse. ‚Mit Verein liegst du gar nicht so verkehrt‘ greife ich das auf, ‚aber es geht um Kirche, ist ja Reli-Unterricht hier. ‘

Ich erkläre, was die ‚Hanauer Union‘ ist: ‚Vor 200 Jahren haben sich zwei evangelische Kirchen in Hanau zu einer Union zusammengeschlossen, Lutherische und Reformierte. In diesem Jahr wird das Jubiläum gefeiert. Unsere Schule spielt sogar eine Rolle dabei.‘

‚Wusst‘ ich gar nichts von. ‘ – Mark spricht aus, was wahrscheinlich viele denken.

‚Es gab eine Aufbruchsstimmung vor 200 Jahren in Deutschland.‘ erzähle ich: ‚Die napoleonischen Kriege waren vorbei, die philosophischen Gedanken der Aufklärung aber nicht: Freiheit, Einheit und Gleichheit.

Sollte Deutschland wieder in konkurrierende Kleinstaaten zerfallen? Sollte die Gesellschaft in Gruppen und Klassen getrennt bleiben? Diese Fragen beschäftigten viele Menschen, auch in der Kirche und besonders in Hanau. In Hanau gab es schon lange erbitterten Streit zwischen lutherischen und reformierten evangelischen Christen um Glaubensfragen. – Jetzt suchte man nach Lösungen.‘

‚Zoff in der Kirche, na und? – Wen interessiert das?‘ Kevin provoziert schon mal ganz gerne.

‚Kommt schon noch‘, sage ich und erkläre: ‘In Hanau gab’s für die Evangelischen alles doppelt: Gemeinden, Kirchen, Schulen. Lutherische durfte Reformierte nicht heiraten und umgekehrt. Jede Gruppe war eifersüchtig auf ihr eigenes Wohl bedacht. Besitzstandswahrung und Kampf um Geltung: Eine Menge Stress für eine Stadt und ihre Umgebung, und eine Menge Kosten für die Bürger.‘

Lisa sagt dazwischen: ‚Klingt schon moderner …‘

‚Stimmt‘, sage ich: ‚aber dann gab’s diese Aufbruchsstimmung: die Menschen suchten nach dem Gemeinwohl – auch und besonders in der Kirche. Es kommt gar nicht darauf an, Unterschiede zu beseitigen, um zusammen leben zu können; es kommt darauf an, Verschiedenheiten auszuhalten. In der Hohen Landesschule trafen sich Pfarrer und Gemeindevorsteher und schlossen einen Vertrag – die Hanauer Union. Jeder konnte bei seinen Überzeugungen bleiben und doch einigte man sich, Gottesdienst und Alltag zu gestalten.

‚Und, was lernen wir daraus?‘ klar, dass Kevin das fragt.

‚Das beantworte ich später. Ich erzähle euch erst mal, woher der Geist kommt, der in Hanau geweht hat. Der ist nämlich noch viel älter als 200 Jahre und er gilt nicht nur für Hanau.‘

Donnerstagmorgen, ungefähr 530 vor Christus, Babylon. In der Stadt, die heute Bagdad heißt, ein buntes Gemisch aus Völkern, Kulturen, Religionen. Mitten drin: die jüdische Gemeinde. Vertriebene aus Jerusalem. Eine Minderheit im Exil. Wie sollen sie sich der Gesellschaft gegenüber verhalten?

Es gibt nach Außen und Innen Konflikte: Welches Recht soll gelten? Wie lebt man seinen Glauben? Wie gestaltet man sein Leben? Um alles wurde gestritten. Gefährliche Stimmung auf allen Seiten.

Da erreicht ein Brief des Propheten Jeremiah aus Jerusalem die Gemeinde in Babylon. Ein Prophet hat die Aufgabe, die Menschen an den Geist Gottes, das Leben nach seinen Geboten zu erinnern. Jeremiah hat gehört, was in Babylon passiert. Da sind Leute unterwegs, die die Stimmung noch anheizen. Die nur die eigenen Überzeugungen für gültig erklären, die nur das Eigene zum Maß aller Dinge machen. ‚Alle anderen sind verkehrt, nur wir sind richtig, es muss zuerst um uns gehen, das will Gott‘ ist ihre Botschaft – heute würde man sie Populisten nennen.

Jeremiah bekommt mit: da wird versucht, Gott vor den Karren von Arroganz, Überheblichkeit und Egoismus zu spannen. Da wird Glauben missbraucht, um Stimmung zu machen, auszugrenzen. Gottes Geist ist ein anderer. Jeremiah greift ein. Zu den Kernsätzen seines Briefes gehört. ‚Suchet der Stadt Bestes!‘

Suchet der Stadt Bestes – denkt und handelt nicht von euch aus, sondern vom Geist Gottes aus, vom Ziel des Gemeinwohls: Es soll allen in der Stadt gut gehen. Ihr seid von Gott erwählt – das ist die Identität des Volkes Gottes. Aber sie bedeutet Verantwortung für alle übernehmen, nicht das Eigene über alles stellen.

Suchet der Stadt Bestes – Das Volk Gottes soll unter den Völkern Gemeinschaft stiften – Häuser bauen, Felder bestellen, damit alle was zu essen haben, heiraten. So drückt Jeremiah das konkret aus. Nicht die Unterschiede beseitigen, aber mit Verschiedenheiten leben lernen, darauf kommt’s an.

Das geht sicher nicht ohne Reibungen. Aber gerade die Antwort auf Streitfragen des Glaubens sollte man auch mal Gott überlassen – der weiß es besser. Die Isareliten haben so das Exil überstanden.

Zurück in der Gegenwart: Hanau ist eine bunte Stadt. Auch unsere Schule ist ein Abbild dieser Vielfalt. Mit den ganz normalen Reibungen. Das ist in Hanau so und überall.

Der Geist Gottes wird gebraucht. Um das Beste der Stadt – jeder Stadt - zu suchen.

In der Hanauer Union wird dieser Geist für mich deutlich. Sich aufs Gemeinwohl besinnen, danach fragen, danach Gesellschaft gestalten. Das ist der Impuls, der für mich von der Hanauer Union ausgeht – in die große und kleine Welt.

Da geht’s um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – Christen sollen verantwortlich leben: das Gute suchen für die Gemeinschaft – weltweit und in jeder Stadt und jedem Dorf.

Für die Schule haben wir das in einem Schulgottesdienst deutlich gemacht: Die Hanauer Union ist ein denkwürdiges Jubiläum. ‚Hola tut Gutes‘ das ist ein wichtiger Teil unseres Schulprogramms. Wir unterstützen Hilfsprojekte, Schüler und Schülerinnen arbeiten ehrenamtlich in sozialen Einrichtungen – da steckt für mich der Geist der Hanauer Union mit drin.

16.September 2018, Hanau, Marktplatz im Zentrum der Stadt. Heute wird die Hanauer Union gefeiert. Ab 13.00 Uhr geht’s los. Wenn alle Glocken der Stadt läuten, beginnt um 14.00 der Festgottesdienst mit Bischof Dr. Martin Hein, mit Musik von Blechbläsern und Gospelchor.

Zusammen in Vielfalt glauben – und leben, ist der Geist und die Botschaft der Hanauer Union bis heute. Das Beste der Stadt suchen, in Verantwortung für- und miteinander leben. Dafür braucht‘s immer neu Aufbruchsstimmung.

Bis 17.00 Uhr darf man Mitgebrachtes auf dem Marktplatz teilen und zu genießen – Gedanken, Ideen, natürlich auch Essen und Trinken. Geist Gottes in Wort und Tat umgesetzt.

Ich finde das einen tollen Anlass, nach Hanau zu kommen und mitzufeiern, der Weg lohnt sich. Vielleicht sieht man sich, trifft alte und neue Leute, kann zusammen feiern, reden, Aufbruch wagen.

Für alle, auch die, die heute nicht dabei sein können gilt: Lassen Sie sich doch mal, wenn Sie das Autokennzeichen ‚HU‘ sehen, an den Geist der Hanauer Union erinnern – Seien Sie auch auf dem Weg, der Stadt Bestes zu suchen.
 

 

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