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Scheidungsrituale - Loslassen und Freiwerden
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Scheidungsrituale - Loslassen und Freiwerden

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Kirche, Kutsche, Kuchenschlacht – alles bei schönster Sonne. Dieses Fest war einfach perfekt! Das ist neun Jahre her. Das Ehepaar besuchte mich vor kurzem wieder. Sie wollten meinen Rat. Die Ehe ist zerbrochen und geschieden worden. „Wir hätten nicht gedacht, dass die Trennung so schwer werden wird!“, sagten beide. Ihre Anwälte hatten die Scheidung gut vorbereitet, Kinder gab es nicht. Jeder von beiden hätte eigentlich in einen neuen Lebensabschnitt starten können.

Die Frau sagt: Mitten am Tag fange ich einfach an zu weinen, dann fällt mir alles, was wir gemeinsam erlebt haben, die tollen Reisen, aber auch die fürchterlichen Streitereien um Kleinigkeiten. Ich kann das alles nicht vergessen! Für ihren Ex-Mann, einen engagierten evangelischen Christen, stand ein anderes Thema im Vordergrund: Ich habe vor Gott ein Versprechen gegeben, das ich nicht gehalten habe. Das kann ich so nicht stehen lassen. Ich habe beiden vorgeschlagen, zu dritt eine Andacht zu begehen und ein Scheidungsritual zu vollziehen. Ich habe vorgeschlagen, auch die Scheidung wie damals die Trauung als einen Akt zu verstehen, in dem wir Gottes Nähe spüren können, als Kraft, sich zu vergaben und die Wunden heilen zu lassen. Vor Gott sich bewusst zu lösen, damit die andere wirklich gehen kann.

Zu dritt haben wir eine Scheidungsandacht gefeiert. Das ehemalige Paar hat vorher verletzende, aber schöne Erfahrungen auf kleine Zettel geschrieben – jeder für sich. Diese brachten sie zur Andacht mit. Sie lasen diese Zettel noch einmal gemeinsam, es flossen viele Tränen und es gab auch wütende Blicke. Irgendwann wurden die beiden ruhiger. Wir beteten gemeinsam das Vaterunser. „Vater unser im Himmel….“ – diese Worte waren wie eine Befreiung. Endlich konnte die Verantwortung für das Scheitern der Ehe in andere Hände gelegt werden. Als Sinnbild für dieses Loslassen legte das ehemalige Paar die Zettel und Ringe in eine kleine Schachtel, die sie mir übergaben. Später habe ich dafür einen Ort in der Natur gesucht, um sie zu vergraben. Am Ende des Scheidungsrituals habe ich jeden einzeln gesegnet. Jeder kann nun für sich einen neuen Anfang machen.

Scheidungen sind in der Kirche eigentlich nicht vorgesehen, auch in der evangelischen Kirche nicht. „Bis dass der Tod euch scheidet…“ heißt es im Trauversprechen. Durch ein Scheidungsritual wird die Bedeutung der Ehe aber nicht herabgestuft, sondern sie wird umgekehrt gerade ernster genommen. Aus einem Versprechen, dass man gegeben hat, stiehlt man sich nicht einfach davon. Und einen Menschen, dem man sich anvertraut hat, lässt man nicht einfach allein. Eine Scheidung ist ein tiefer biographischer Einschnitt. Ein Ritual und ein Segen kann dies ins Bewusstsein rufen und manchmal auch heilen.

Diese Scheidungsandacht hat mich noch lange beschäftigt. Warum lassen wir so viele Spannungen und Konflikte in unseren Beziehungen eigentlich immer weiterlaufen. Solange bis der Bruch, die Scheidung endgültig da ist. Kleine Alltagsrituale des Vergebens und Vergessens könnten uns helfen, es nicht bis zur endgültigen Trennung kommen zu lassen.
 

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