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Rent a Jew
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Rent a Jew

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Meine Abschlussfahrt vor dem Abitur ging nach Israel. Wir haben im Kibbuz Kinnereth am See Genezareth gearbeitet, Pampelmusen und Bananen geerntet oder auf der Hühnerfarm geschuftet. Abends saßen wir mit jugendlichen Kibbuzniks, also den jungen Frauen und Männern, die dort zu Hause waren, unter blühenden Bäumen, redeten über Gott und das Leben. Eine Woche ging es am Ende durchs Land. Jerusalem, die Festung Masada und die Gedenkstätte Yad Vashem standen auf dem Programm.

Als wir zurückkamen, wussten wir ein bisschen mehr über jüdisches Leben. Und was noch wichtiger war: Wir hatten Freundinnen und Freunde gefunden. Der Nahe Osten war uns näher gekommen, viel näher.

Diese Abifahrt war ein großes Glück – und eine Ausnahme. Die meisten Schülerinnen und Schüler werden auch heute Israel nicht auf ihrer Agenda haben. Ersatzweise können sie, beziehungsweise ihre Lehrerinnen und Lehrer, Juden mieten. Das klingt zunächst ein bisschen merkwürdig, aber das Projekt heißt wirklich so: „Rent a jew“. Das soll den Humor jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zeigen. Ihr Anliegen ist allerdings ein ernstes. Die Verantwortlichen für dieses Projekt wollen einen authentischen Einblick ins Judentum ermöglichen. Über das Internetportal „Rent a Jew“ vermitteln sie jüdische Referenten an Nicht-Juden. Schüler- oder Studentengruppen, auch Einzelpersonen können Spezialisten für jüdisches Leben buchen. Persönliche Begegnungen sollen helfen, Klischees aus dem Weg zu räumen und Wissenslücken zu schließen.

Zum Beispiel: Wer ist eigentlich Jude? Antwort: Wer eine jüdische Mutter hat. Oder: Was bedeutet koscher? Antwort: Nichts anderes als ‚erlaubt‘. Das bezieht sich zum Beispiel auf Lebensmittelvorschriften. In der Thora, der Bibel für Juden, steht:  Fleisch muss geschächtet sein, komplett blutleer sein. Es darf nur von bestimmten Tieren stammen, Milch und Fleisch müssen immer getrennt sein. Bei den Muslimen heißt das übrigens halal.

Es ist  vielleicht spaßiger, in der Kibbuz-Disco jüdisches Leben zu kennenzulernen. Doch Rent a jew ist ein gutes Projekt. Und wer weiß? Vielleicht möchte jemand mehr wissen und macht sich danach auf den Weg nach Israel. In vier Stunden ist man da.   

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