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Reisen - eine willkommene Unterbrechung
Bild: Bo Kamstrup/Pixabay

Reisen - eine willkommene Unterbrechung

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Ende der 1970er-Jahre sind wir zum ersten Mal mit der ganzen Familie an die Ostsee gefahren. Zu viert im VW-Käfer! Statt im Koffer, hatten wir unsere Kleidung in Plastiksäcken verstaut, um Platz zu sparen. Morgens um 4 Uhr ging es los. Wir wollten möglichen Staus zuvorzukommen.

Eine Reise ans Meer

Der Weg schien mir weit, obwohl wir uns schon am Vormittag unserem Ziel näherten. Und ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich zum ersten Mal das Meer sah. Wir alle waren begeistert. Das Meer in endloser Weite und ewigem Rauschen, der Lärm der kreischenden Möwen, der Geruch nach Wasser und Fisch. Wir suchten Muscheln und Krebse, entdeckten wunderbare Steine. Natürlich haben wir auch Sandburgen gebaut. Stundenlang saßen wir einfach am Strand und nahmen in uns auf, was da zu sehen war.

Reisen war früher für viele nicht selbstverständlich

Das hat meinen Blick verändert und geweitet. Reisen war damals nicht selbstverständlich. Oft fehlte das nötige Geld dazu. Das war auch so, als ich nach der 10. Schulklasse nach England durfte. Die Hinreise auf der Nachtfähre ohne Kabine war sehr unbequem, anstrengend und lang. Eine Reise ins Unbekannte zu Menschen, die ich zunächst nicht gut verstehen konnte. Seltsames Essen gab es auch. Drei Wochen Alltag in einer englischen Familie, in der ich ein wenig im Haushalt half und die Tochter unterstützte. Doch auch diese Reise hat meinen Blick verändert.

Reisen verändert meinen Blick

Auch auf das, was ich zu Hause habe und wie ich lebe. Am interessantesten war es immer dann, wenn nicht alles geplant war und sich Überraschungen einstellten: Z.B. Begegnungen mit fremden Menschen. Oder ich weiß noch, dass mir hin und wieder meine Arbeit schwerfiel und ich sagte „manchmal möchte ich lieber Steine klopfen“. Als ich später dann in Ägypten sah, wie mühsam und anstrengend diese Arbeit ist, bin ich ganz still geworden.

Reisen und Religion haben etwas gemeinsam

Reisen und Religion haben für mich etwas gemeinsam. Der Theologe Johann Baptist Metz hat einmal gesagt: "Religion ist Unterbrechung". Ja, und Reisen auch. Vielleicht ist mir beim Unterwegssein der Wert der Unterbrechungen klar geworden. Bin ich vielleicht sogar dabei auf Gott gestoßen, der sich im Fremden zeigt? Reisen hat mir deutlich gemacht, dass Gott und die Welt letztlich fremd und unbeherrschbar sind. Reisen und Glauben sind Aufbrüche ins Ungewisse. In ihnen erfüllt sich vielleicht die Sehnsucht, dass nicht alles so kommt wie geplant. Aber wir entwickeln uns weiter. Vielleicht muss man sich erst einmal befremden lassen, bevor man bei sich ankommt. Und das gilt nicht nur für Reisen in die Ferne.

Reisen und Religion - auch eine Möglichkeit Gott zu entdecken

Ein junger Mann aus meiner Nachbarschaft, hat einfach mit einem Kajak die Flüsse in unserer Umgebung erkundet und nachts draußen im Zelt geschlafen. "Die Nacht unter dem Sternenhimmel ist wunderbar", hat er begeistert erzählt. Und er hat auch gespürt, wie groß und wunderbar Gott dieses Universum geschaffen hat. Reisen und Religion – eine wunderbare Unterbrechung und Gelegenheit, sich und Gott neu zu entdecken.

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