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Mein Rettungsring
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Mein Rettungsring

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt
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Wenn ich die Nachrichten anschaue, komme ich ins Grübeln: Eigentlich hatte ich gedacht: Der Ost-West-Konflikt ist überwunden, die Mauer gefallen: Da muss die Welt doch jetzt übersichtlicher und friedlicher werden. Aber falsch: Immer noch gibt es nur Probleme um uns herum: der Brexit, Europa zieht nicht mehr als Gedanke, Italien ist in der Krise und eine neue Finanzkrise droht. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Wir zerstören unsere Umwelt. Auch deshalb sind Menschen auf der Flucht, nicht nur in Europa, auch in Amerika. Dazu ein amerikanischer Präsident, der lügt und menschenverachtende Reden hält. Und die katholische Kirche: Sie ist nicht mehr das, was sie war, erst das verschwenderisches Leben des Limburger Bischofs. Dann der Missbrauch-Skandal, kürzlich der Versuch, dem Sankt Georgener Rektor seine Bestätigung zu verweigern. All das hört sich beunruhigend an, verunsichernd, fast wie ein Untergangsszenario.

Ein Rettungsring wäre jetzt recht. Und es gibt einige, die sich da zur Rettung anbieten: In der Politik haben die Parteien besonderen Zulauf mit radikalen, vereinfachenden Lösungen, wie zum Beispiel die AfD. Es gibt andere vermeintliche Rettungsringe wie: das Horten von Geld, übergezogenes Achten auf die Gesundheit, fanatische Religiosität, das extensive Genießen des Lebens, übertriebener Sport.

Menschen suchen nicht erst heute nach Rettung. Auch zurzeit Jesu waren die Menschen irritiert und beunruhigt. Manche sahen sogar das Ende der Welt nahe. Sie erwarteten Antworten. Ein Zeitgenosse Jesu, Johannes der Täufer, war jemand, der diese Antworten gab: Den Zöllnern rät er, nicht mehr Geld zu nehmen als festgesetzt. Denen, die zwei Gewänder haben, eines davon abzugeben. Den Soldaten empfiehlt er, Mensch nicht zu misshandeln, zu erpressen. Sich mit dem Sold zu begnügen. Von diesem Johannes der Täufer wird heute am 3. Advent in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen.

Ein Rettungsring mit klaren Anweisungen: Sei gerecht, gib ab, sei nicht brutal oder hintertrieben. Das hört sich sehr vernünftig an, ist eine Lösung. Das entspricht dem Ethikkatalog, sowie wie wir ihn heute kennen: Tu das, und du und die Welt wird besser. Manche sahen deshalb in Johannes den erwarteten Retter, den Messias.

Doch der Evangelist Lukas lässt Johannes sagen: Ich bin es nicht, da kommt einer, der ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Gemeint ist Jesus. Lukas schildert diesen Jesus: Er ist anders, radikal anders. Auch er spricht vom Teilen, gibt den Menschen aber zuerst Brot und Fische. Auf den verhassten Zöllner geht er zu, sieht den Menschen in ihm, holt ihn aus der Ecke der Verachtung. Er glaubt daran, dass er sich ändert. Jesus zieht nicht in den Krieg, er plädiert nicht für einen rücksichtsvollen Krieg, sondern er verlangt: Du sollst den Feind nicht bekämpfen, sondern ihn verstehen, ihn lieben. Diese ethischen Vorstellungen, die finde ich so „anders“ und provokant, dass sie auf den ersten Blick gar nicht wie ein Rettungsring wirken, sondern eher: wie eine Zumutung.

Jesus fällt für mich heraus aus dem normalen Ethikkatalog: Nicht nur Nächstenliebe, sondern sogar Feindesliebe fordert er. Ich finde das eine Zumutung. Jesus stellt mein Gerechtigkeitsgefühl infrage: Warum sollte ich einen Steuerhinterzieher achten, warum sollte ich einen feindlichen Aggressor mit Liebe begegnen? Da gilt nicht mehr: Gutes wird belohnt, Böses bestraft. Eigentlich müsste man diese Forderung Jesus streichen, die verwirrt nur. Manche Theologen haben deshalb dieses Ansinnen Jesu in den Himmel verlegt. Aber selbst da finde ich es eine Zumutung: Sollte ich neben einem Kindesmörder in den Himmel kommen? Wenigstens dort müsste doch ausgleichende Gerechtigkeit herrschen.

Jesus erklärt dazu: Das, was er fordert, gilt auch bei Gott: Gott liebt alle Menschen, alle Menschen sind von ihm geschaffen. Gott ist sozusagen mit der Welt verwoben. Wie Eltern mit ihren Kindern. Egal ob gut oder böse, wir sind wie seine Kinder: Gottes Kinder. Das finde ich schön und seltsam zugleich. Seltsam ist doch: Wie können Menschen, die Gott als seine Kinder bezeichnet, andere Menschen quälen und drangsalieren? Wie können diese Menschen, in denen ein Funken Göttlichkeit steckt, die Welt in diese gefahrvolle Situation steuern? Diese seltsame Seite der Gotteskindschaft von uns Menschen verstehe nicht. Das ändert sich, wenn ich auf mein Leben schaue, da sehe ich auch bei mir: Gute Dinge, aber auch Fehler, falsche Entscheidungen, Ungerechtigkeiten, Lieblosigkeit anderen gegenüber. Eben meine Schattenseiten. Umgekehrt: auch mir wurde Leid zugefügt. In meiner eigenen Schulzeit wurde ich manchmal von den Lehrern ungerecht behandelt. Und in vielen Berufsjahren hätte ich mir einen besseren Chef gewünscht. Ganz abgesehen von Krankheiten, die ich gar nicht brauche. Für mich als älteren Menschen ist es berechenbar: die Krankheiten und Einschränkung werden zunehmen. Dann kommt der Tod.

Ich stelle fest: Leid erleben und zufügen gehören wohl unabdingbar zum menschlichen Leben, zu mindestens zu meinem. Auch wenn ich mich noch so bemühe, ich werde leider immer anderen Leuten Leid zufügen. Das ist schlimm. Genauso werde ich ungerechtes Leid erleben. Wenn ich die Nachrichten sehe, erlebe ich: Nicht nur mir geht es so. Übel und Leid gehören anscheinend zu unserer Welt. Das finde ich schlimm. Eine Zumutung. Da müsste es doch einen echten Rettungsring gegeben. Den gibt es: Eben die gute Seite der Gotteskindschaft.

Damit das Leben der Menschen insgesamt und mein Leben für mich nicht eine Zumutung wird, hilft mir das Bild, das Jesus von seinem Vater zeichnet. Er spricht von einem Gott, der mich liebt, trotz meiner immer wiederkehrenden Schwächen, meiner Schattenseite. Von einem Gott, der meine Wünsche nach Geborgenheit unterstützt. Einem Gott, der deshalb bei mir ist im Leid von Krankheit und Tod. Gott nimmt nicht mein Leid, er nimmt nicht das Leid aus der Welt. Gott begibt sich in das Leid. Ist auch dort zu finden. So ein Gott macht mir es möglich, mich anzunehmen und die bedrückende Tatsache von Krankheit, Tod und Leid in der Welt zu ertragen.

Der Philosoph und Ökonom Karl Marx hat das immer wieder als Gefahr angeprangert: religiöse Menschen ertragen zugefügtes Leid, wehren sich nicht. Natürlich gibt es Leid, gegen das man sich wehren muss: so die ungerechte Verteilung von Reichtum, Macht und Besitz. Aber es bleibt noch genügend Leid, das nicht wegzunehmen ist: eben meine dunklen Seiten und Krankheit, Tod, Lieblosigkeit in der Welt.

Jesus sagt: Gott liebt die Menschen wie ein Vater, wie Eltern ihre Kinder lieben. Wenn Jesus sagt, dass ich, dass wir, mit Gott so verwoben sind, wie ein Kind seinen Eltern ähnlich ist, dann steht für mich fest: ein zentraler Punkt dieser Ähnlichkeit zu Gott sind meine Träume nach Liebe und Geborgenheit. Diese Sehnsucht kommt von Gott und führt zu Gott. Wenn das so ist, dann bin ich sicher: Diese Sehnsucht nach grenzenloser Liebe geht in Erfüllung. Dieser Gott lässt mich nicht fallen. So kann ich meine Unzulänglichkeiten und die Bedrohlichkeit der Welt ertragen. Das ist der Rettungsanker, der mich trägt. Mit dieser Gewissheit kann ich auch die Nachrichten gelassener anschauen.

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