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Kintsugi
Bild: Pixabay

Kintsugi

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf
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Wenn eine kostbare chinesische Vase zerbricht, dann hat sie ihren Wert für immer verloren, wir kennen das aus alten Filmen.

Interessant, dass gerade aus Japan eine Tradition kommt, die ganz anders tickt. „Kintsugi“ heißt diese japanische Reparaturkunst, auf Deutsch „Goldflicken“. Sie fasziniert mich, seit ich das erste Mal von ihr gehört habe. Beim „Kintsugi“ werden die Scherben von Keramik- oder Porzellangefäßen mit einem speziellen Lack geklebt und fehlende Stücke ersetzt. Anschließend werden die Bruchstellen mit Gold oder Silber kunstvoll verziert. Der ganze Prozess ist sehr aufwendig. Am Ende entsteht ein Gefäß mit einer ganz eigenen Ästhetik: Aus etwas Kaputtem entsteht etwas Wieder-Heiles, etwas Schönes, dem man die Brüche ansieht, als wären sie Narben. Aber gerade diese Verletzungen machen das Stück einzigartig.

Ich könnte mir vorstellen, dass „Kintsugi“ auch hier in Deutschland noch beliebter wird. Schließlich liegt diese Reparatur-Kunst gleich zweifach im Trend: Ganz praktisch entspricht sie der Idee der Nachhaltigkeit, also Reparieren statt Wegwerfen – und geht doch weit hinaus über das schnelle Kleben mit der Heißklebepistole. Und auf einer anderen, tieferen Ebene ermutigt „Kintsugi“ dazu, zu den eigenen Schwächen und Brüchen zu stehen. Ich hege ein tiefes Misstrauen gegen den allzu schönen Schein nach außen, gegen das, was in Italien gerne „far bella figura“ genannt wird - eine gute Figur machen.  Niemand ist perfekt, nobody is perfect.

Seit einiger Zeit finden in vielen Städten der Welt so genannte „FuckUp-Nights“ statt: Menschen kommen in Hörsälen, Theatern, manchmal auch in Kirchen zusammen und erzählen öffentlich von ihrem eigenen, beruflichen oder privaten, Scheitern. Das macht wiederum anderen Mut, in der eigenen Situation nicht zu verzweifeln, sondern etwas aus den eigenen Scherben zu machen, ein bisschen wie beim „Kintsugi“. 

In der jetzigen Zeit der Corona-Pandemie gibt es besonders viele Verletzungen und Brüche. Da geht es nicht nur um die eigene Erfahrung des Scheiterns, sondern auch um Gefühle der Ohnmacht, Angst und Trauer. Wenn nahe Menschen sterben oder wenn jemand selbst vom Virus betroffen ist und sich ängstigt, wenn berufliche Karrieren abbrechen und Menschen um ihre Existenz bangen – dann kann man wirklich das Gefühl haben, das eigene Leben läge in Scherben vor einem. 

Andererseits habe ich mir selten so viele Gedanken gemacht über die Kostbarkeit des Lebens, jedes Lebens. 

Und ich finde deutliche Parallelen zum „Kintsugi“ in meinem Glauben, in der Orientierung an Jesus Christus. Schon die Geburt von Jesus im Stall war alles andere als perfekt. Wir hören und lesen von ihm: Er hat gerade den kranken, trauernden und gescheiterten Menschen Wege aufgezeigt und Heilung gebracht. Und der schöne Schein hatte bei ihm keine Chance. Jesu Tod am Kreuz war nach menschlichen Maßstäben ein einziges großes Scheitern. Doch dabei blieb es ja nicht. Nach der Auferstehung erkannten ihn seine Freundinnen und Freunde an den Wundmalen. Sie waren das Erkennungszeichen.  Ein bisschen wie beim „Kintsugi“. 

Ob das ein Trost ist für Menschen, die jetzt leiden? Ich wünsche es so sehr.

 

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