Ihr Suchbegriff
Erinnerung an die Gnade
Bildquelle Pixabay

Erinnerung an die Gnade

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Sie hatten Langeweile, sagt der Staatsanwalt. Es ist spät in der Heiligen Nacht. Geschäfte und Lokale sind geschlossen. Jugendliche in Berlin sehen einen Obdachlosen. Im U-Bahnhof. Er schläft auf einer Bank. Einer der Jugendlichen hat eine Idee. Eine grausame. Er nimmt ein Papier, zündet es an und legt es neben den Kopf des Schlafenden. Da brennt es vor sich hin. Kameras zeichnen alles auf. Die Jugendlichen lachen und laufen weg.
Dem haben sie es gegeben. Schon brennt der Mantel des Obdachlosen. Eine U-Bahn kommt. Der Fahrer sieht alles und beginnt zu löschen. Fahrgäste helfen dabei. Nochmal gut gegangen.        
Nein, ist es nicht. Die Jugendlichen stehen jetzt vor Gericht. Es spielt keine Rolle, dass sie aus Syrien sind. Einheimische können das auch. Treten, bis der Arzt kommt. Oder der Tod. Aus Langeweile. Oder aus Verachtung. Schwache haben es oft doppelt schwer. Sie sind schwach. Dann trifft sie auch noch Verachtung. Nicht etwa Freundlichkeit. Wie oft schauen Menschen auf die herab, die schon ganz unten sind. Wie gerne fühlen sich Menschen besser als die „Penner“, die angeblich „Arbeitsscheuen“. Wie ein Naturgesetz kommt einem das vor. Der verächtliche Blick auf die, die schon am Boden sind. Wegschauen geht immer; johlen und spotten auch. Wer noch eins draufsetzt, ruft Bitteres hinterher. „Selbst schuld“ ist noch harmlos. Wie gut muss man sich dabei wohl fühlen…        
Gott allerdings nicht. Er ist zornig, wenn Menschen verachtet werden mit Worten oder Schlägen. Und erinnert mich an die Gnade, die ich bekommen habe. Du gehst aufrecht, hast Einkommen; ein Dach über dem Kopf und vielleicht Gesundheit. Vergiss deine Gnade nicht, sagt er mir oft. Ich gebe mir Mühe. Mit einem gnädigen Blick. Und freundlichen Worten. In Gottes Augen bin ich kein Herr. Aber ein Bruder der Schwachen.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren