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E-Mail am Abend
Bildquelle: Gerd Altmann/Pixabay

E-Mail am Abend

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von Claudia Rudolff, Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

Abends schaue ich oft noch einmal nach, welche E-Mails mich heute erreichten. Mein Blick fällt auf eine unbekannte Mail mit dem Kennwort: „Hitliste der Dankbarkeiten”. Ich schaue auf den Absender: Psalmbeter@Jerusalem.at. Wer steckt hinter dieser Mail, frage ich mich? Nach dem Check-up lese ich:

Schalom, ich schreibe Dir aus einer längst vergangenen Zeit und fühle mich Dir doch verbunden. Gestatte mir, dass ich auf diese Weise Dir einen wichtigen Gedanken weitergebe: Ein langer Tag liegt sicher hinter Dir. Sicherlich passiert es Dir manchmal, dass Du Menschen triffst und denkst: „Ich weiß ganz genau, dass ich diese Person kenne. Aber jetzt, wo er auf mich zukommt, fällt mir ihr Name nicht ein.” Alle, die schleichende Senilität bei sich befürchten, werden von einem Gehirnforscher, Dr. Barry Gordon, beruhigt: „Das ist nicht ein erster Alzheimerschub, sondern völlig normal. Jeder hat mal einen Aussetzer im Gedächtnis! Denn 83% vergessen Namen, 60% wo sie etwas hingelegt haben, 49% vergessen, was sie gerade gesagt bekommen haben und immerhin 41% vergessen, was sie selber eben erst gesagt haben.“

Merkwürdig ist allerdings, dass man manches durchaus nicht vergessen kann, selbst wenn man es gerne wollte. Das war schon zu meinen Lebzeiten so. Ausgerechnet dann, wenn man uns eine Gemeinheit angetan hat, funktioniert unser Gedächtnis perfekt. Jede kleine Stichelei, jede dumme Bemerkung, jedes unbedacht daher gesagte Wort unserer Mitmenschen wird oft mit einer unheimlichen Präzision gespeichert.

Anderes hingegen vergessen und übersehen wir fast ständig. So vieles nehme ich gar nicht zur Kenntnis, weil ich es unter der Überschrift „normal” oder „selbstverständlich” einfach „abhake”. Ist es selbstverständlich, dass mein Herz an einem normalen Werktag etwa 103 390 mal schlägt, das Blut einen Weg von mehreren tausend Kilometern zurücklegt? Ist es selbstverständlich, dass ich täglich zwölf Kubikmeter Luft in mich hineinsauge und sieben Millionen Gehirnzellen in Tätigkeit setze? Ist es wirklich so selbstverständlich, dass es Menschen gibt, die mich brauchen und die ich brauche? Alles selbstverständlich?

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!” Diesen Vers habe ich schon vor 3000 Jahren meinen Zeitgenossen ins Stammbuch geschrieben. Du findest ihn in Deiner Bibeln als Psalm 103, Vers 2. Für mich ist er damals wie heute eine freundliche Einladung zum Denken, zum Staunen und zum Danken. Dankbare Menschen sind eine Wohltat, sich selbst und anderen gegenüber. Schreib einmal eine Hitliste deiner Dankbarkeiten auf. Das ist Gedächtnistraining der anderen Art. Gut für Dich und die, denen Du begegnest. Gott segne Dich! Dein David.

So eine Mail mit unbekanntem Absender hatte ich noch nie. Danke! schreibe ich gleich als erstes auf meine Hitliste - bevor ich´s noch vergesse ….

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