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Die Mama und der Heiland
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Die Mama und der Heiland

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Wenn er das Wort „Mama“ sagt, muss er weinen. Fast immer. Dabei ist er kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Mann. Und erfolgreich im eigenen Geschäft. Das kostet ihn keine Tränen. Nur das Wort „Mama“. Die liegt nämlich im Bett. Kann nicht mehr aufstehen. Ist aber immer hellwach. Und freut sich über ihren Sohn, ist stolz auf ihn. Jeden Tag kommt der Sohn bei ihr vorbei, am Wochenende auch zweimal am Tag. Dann drückt er die Mama und herzt sie. Ihr verdanke ich alles, sagt der Mann. Und kämpft wieder mit seinen Tränen.

Vor Jahren, sagt er, wollte ich mich selbstständig machen. Da hat meine Mama ihr Sparbuch aufgelöst und gesagt: Hier Junge, das Geld ist für Dich. So ist sie, meine Mama. Dann hat er Erfolg. Wohl weil er ein Herz hat. Das spüren Menschen. Wenn er im Laden steht und verkauft, kennt er seine Kunden. Und ihre Sorgen. Er fragt, hilft, bringt Waren auch nach Hause. Verschenkt auch mal was, wenn das Geld nicht reicht. Hab ich alles von der Mama gelernt, sagt er und zeigt auf das Bild von ihr. Es hängt an der Wand hinter der Kasse. Eine freundliche alte Dame lächelt ins Geschäft. Jetzt liegt sie im Bett, sagt der Mann, und kommt nicht mehr hoch. Jetzt muss der hier helfen. Er meint den Herrn Jesus. Der hängt neben der Mama. Ein Kruzifix mitten im Geschäft. Die Mama und der Heiland, sagt der Mann, das reicht mir im Leben. Liebevoll tätschelt er erst das Bild der Mama, dann den Heiland am Kreuz. Den hat er vom Flohmarkt. Eigentlich wollte er nur ein paar Spiegel fürs Geschäft kaufen. Mit Spiegeln wirkt alles größer, sagt der Mann. Die Spiegel hat er gefunden. Den Heiland gab’s dazu. Er bezahlt die Spiegel. Da sagt ihm der Verkäufer: Hier, zwei Euro fürs Kreuz. Warum nicht, denkt der Mann. Seitdem geht’s mir gut.

Neulich ist er umgezogen mit dem Geschäft. Es war einfach zu klein geworden. Viele Kunden haben ihm geholfen beim Packen und Tragen. Ganz zum Schluss, als alles schon fertig war, steht der Mann alleine im alten Laden. Er holt tief Luft. Viele schöne Jahre waren das, denkt er. Dann nimmt er die beiden von der Wand. Das Bild der Mama und das Kreuz mit dem Heiland. Wischt ein bisschen Staub ab und packt beide in ein weiches Tuch. Die beiden müssen mit. Im neuen Geschäft hängt er sie gleich auf. Meine Liebsten, sagt er und will jetzt nicht weinen. Meine Mama ist direkt vom Heiland gekommen.

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