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Das Nest aus Vertrautem
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Das Nest aus Vertrautem

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Der Butler weiß es. James kennt die Kräfte des Lebens. Sie liegen im Wiederholen des Guten. Jedes Jahr bereitet er seiner Herrin ein Geburtstagsfest mit vier Gästen. Keiner der Gäste lebt mehr. Der Butler ersetzt sie alle, trinkt für vier. „Dinner for One“ heißt das Stück, immer Silvester im Fernsehen. Der Butler wird gespielt von Freddie Frinton (1909 – 1968), der heute vor fünfzig Jahren starb. Eigentlich aber ist er unsterblich. Und kennt die Kräfte des Lebens. Das Gute braucht Wiederholung. Es nutzt sich nicht ab. Gutes bekommt man nie genug, auch wenn der Butler viel seufzt und über seinen Tigerkopf stolpert, dass man Angst um ihn bekommt.

Er will Miss Sophie das Leben schön machen. Auch am 90. Geburtstag. James will ihr Glück.

Abwechslung ist eben nicht immer schön. Man braucht sie, aber oft nervt sie mich. Dauernd Neues, Unbekanntes. Woanders hin, das mag mal helfen. Gewohnheit hat aber auch etwas, oft Gutes. Erst seufzt man und denkt: schon wieder. Aber je näher es kommt, desto mehr freue ich mich aufs Vertraute. Ich muss nicht nachdenken, wie ich was mache. Ich muss mich nicht neu erfinden. Neues Hotel, neue Umgebung, neues Verhalten. Vielleicht hat es mit meinem Alter zu tun: Ich freue mich aufs Gewohnte. Weihnachten oder Silvester sollen wie immer sein. Schönes wird nicht langweilig, wenn ich es wiederhole. Im Gegenteil. Es gibt neue Kräfte. Ich lasse mich fallen ins Vertraute. Es nutzt sich nicht ab. Es stärkt mich. Weil ich Kräfte spare, gibt es Kraft. Lässt sie mir für andere Dinge. Ich muss nicht mehr planen als nötig. Ich muss nicht immer neue Gegenden und Menschen kennenlernen. Ich lege mich ins Vertraute wie in ein Nest. Es gibt mir Sicherheit. Wie das Stück „Dinner for One“. Für mich gehört es zu Silvester wie Kerzen zum Advent.

Abwechslung muss ich selber machen, Vertrautes trägt mich. Es ist wie Sonntag und Gottesdienst. Ich weiß, was kommt, und freue mich darauf. Der Glaube muss nicht jeden Sonntag neu erfunden werden. Ich lege mich gerne ins Nest aus Vertrautem, Worte oder Zeichen. Das ist wie Zuhause sein. Manchmal stelle ich Sachen neu. Meistens aber bleibt es beim Alten. Mir hilft das. Ich kenne mich dann im Leben besser aus. Und im Glauben auch.

 

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