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Aus Trauer wird Freude

Aus Trauer wird Freude

Guido Hepke
Ein Beitrag von

Guido Hepke,

Evangelischer Pfarrer, Weilburg

Gottesdienst zum Ostersonntag aus der evangelischen Schlosskirche Weilburg

I.
Es wird schon dunkel. Die ersten Sterne zeigen sich. Die Luft fühlt sich kalt an. Die beiden Frauen machen sich auf den Weg. Maria Magdalena und die andere Maria nennt sie der Evangelist Matthäus. Die beiden wollen nach dem Grab sehen. In Ruhe – jetzt ist die Zeit. Wie ein dicker Kloß sitzt die Traurigkeit im Hals. Die Erinnerungen tun weh. Was geschehen ist, fühlt sich an wie ein böser Traum. Alles scheint verloren zu sein. Dieses Empfinden lähmt ihre Schritte. Und doch gehen sie weiter. Sie versuchen, sich der bitteren Realität zu stellen: Jesus ist tot. Mit ihm ist alle Hoffnung gestorben. Wer selbst schon einmal an einem Grab gestanden hat, hat ein Gefühl oder wenigstens eine Ahnung davon, was die beiden Frauen empfinden.

Wenn alle gewohnten Ordnungen außer Kraft gesetzt erscheinen, dann geht die Orientierung unter, im Chaos der eigenen Gedanken und Empfindungen. Wenn alles das, was bislang das eigene Leben getragen hat, nicht mehr gilt, dann scheint der Boden unter den Füßen wegzurutschen. Nichts gibt mehr Halt. Dieses Gefühl haben Menschen nicht nur, wenn der Tod in das Leben hineinbricht. Das ist auch so, wenn Menschen im Krieg aus ihrer Heimat flüchten – um wenigstens das Leben zu retten, das eigene und das der Kinder. Und sie wissen nicht, wohin. Oder auch, wenn jemand die schreckliche Diagnose erhält: Krebs! – Dann bricht für viele erst einmal alle Hoffnung weg.

Andere stehen vor den Trümmern ihrer Ehe. Oder der Familienbetrieb ist bankrott, obwohl man doch alles für die Firma getan hat. Nicht nur, wenn Menschen an einem Grab stehen, haben sie das Gefühl: Ich habe alles verloren. Wenn ich überhaupt noch etwas fühlen kann, dann ist das Leere und Traurigkeit. Wenn ich versuche, mich hineinzudenken in die beiden Frauen, dann fällt mir auf: Maria Magdalena und ihre Freundin haben noch mehr verloren als einen Menschen, der ihnen nahestand. Denn Jesus verkörperte für sie Gottes Nähe zu den Menschen. In seinen Worten und Taten hatte Gottes Liebe buchstäblich „Hand und Fuß“ bekommen. Doch nun war er tot. Alles vorbei. Mit Jesus ist auch ihre Weltsicht, ihr Glaube gestorben. Da ist nichts mehr, worauf sie vertrauen können. Alles, wirklich alles ist weg.

Und doch machen sich die beiden Frauen auf den Weg. Auch wenn die Realität noch so bitter ist. Sie stellen sich der Wirklichkeit. Sie geben der Trauer Zeit und Raum. Und nur, weil sie sich auf den Weg machen, können sie erleben: Gott nimmt sich ihrer ängstlichen Seelen an. So hören wir es nun in einer Arie von Johann Sebastian Bach.

II.

Einfach noch einmal auf einen Knopf drücken – alles zurück auf Anfang stellen. Das wünschen sich die beiden Frauen auf ihrem Weg zum Grab, in dem Jesus liegt. Darauf hoffen Menschen auch heutzutage. Gott beschreitet einen anderen Weg. Er macht nicht ungeschehen, was geschehen ist. Doch der Schöpfer allen Lebens schenkt einen neuen Anfang: Er verwandelt Traurigkeit in Freude.

Matthäus berichtet davon in seiner Ostergeschichte: Als die Frauen sich dem Grab nähern, da erschüttern plötzliche Erdstöße den Boden. Auch buchstäblich verlieren Maria Magdalena und ihre Freundin allen Halt unter den Füßen. Dann sehen sie einen Engel. Hell wie ein Blitz, das Gewand weiß wie Schnee. Der Gottesbote wälzt den Stein zur Seite, mit dem die Grabkammer verschlossen worden war. Die Grabwächter fallen in Ohnmacht. Sie sollen einen Toten bewachen – doch nun sind sie sind selbst wie tot. Und der, den sie beaufsichtigen – Jesus – der kehrt zurück ins Leben.

Die Frauen sehen nur das leere Grab. Sie spüren das Erdbeben; sie nehmen den Engel wahr. Aber sie verstehen nicht, was hier geschieht. Das Grab ist leer – haben sie nun selbst den Ort verloren, zu dem sie mit ihrer Trauer hingehen können? „Fürchtet euch nicht.“ Spricht der Engel zu ihnen. Auch wenn ihr nicht versteht, was hier geschieht. In Gottes Nähe braucht ihr keine Angst zu haben. Behutsam, freundlich erklärt der Gottesbote den Frauen, was sie sehen: „Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“

Das leere Grab wird zum Zeichen: Jesus ist wahrhaftig auferstanden. Durch das Wort des Engels beginnen die beiden Frauen zu verstehen: Ja, Jesus lebt. Der kalte Klumpen in ihrem Inneren löst sich auf. Die Worte des Engels tun ihnen gut. Das ist so, als ob man nach einer langen Wanderung durch die Kälte der Nacht ans Feuer zurückkehrt. Was sich eben noch kalt und wie tot angefühlt hat, das ist auf einmal wieder warm und lebendig.

Alles ist damit anders. Verwirrend anders. Wunderbar anders. Aus Trauer wird Freude. Hoffnung blitzt auf: Das Leben hat auf einmal wieder einen Sinn. Maria Magdalena und ihre Freundin beginnen zu verstehen: Jesus lebt. Damit lebt auch seine Gemeinschaft weiter. Selbst wenn sie ihn nicht sehen, spüren sie: Jesus ist ihnen nahe.

Manchmal, wenn sich in einem Menschen Traurigkeit in Freude verwandelt, geht es gar nicht anders: Die Freude dringt nach außen – mit einem fröhlichen Lied, mit einem Lachen. Oder mit einem Stoßseufzer: Gott sei Dank. Dies alles hat Johann Sebastian Bach in den Schlusschor seines Osteroratoriums hineingenommen. Hören wir die Kantorei der Schlosskirche mit der Capella Weilburgensis.

III.

Auch heutzutage erleben Menschen, dass sich Traurigkeit in Freude verwandelt – unverhofft, unerwartet, unverdient: Wenn Fremde sich in Heimat verwandelt,… wenn Trauernde sich wieder dem Leben zuwenden können,… wenn sogar der Tod seinen Schrecken verliert,… dann geschieht so etwas.

Doch nicht immer verwandelt sich Traurigkeit in Freude. Nicht immer geschieht so eine unerwartete Wendung zum Besseren. Aber wo so eine große oder kleine Lebenswende geschieht, da leuchtet das Licht von Ostern auf. Und da fällt es leichter, sich hinein zu fühlen in die beiden Frauen, von denen Matthäus in seiner Ostergeschichte erzählt. Doch Matthäus berichtet noch mehr. In seiner Geschichte wandelt sich in einzigartiger Weise Traurigkeit in Freude.

Die beiden Frauen damals erfahren: Jesus lebt. Der Tod hat ihn nicht festhalten können. Selbst der Tod hat seine Macht verloren. Die beiden Frauen verstehen: Durch den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus sind wir in einer besonderen Weise mit Gott verbunden. Jesus selbst macht uns den Weg frei. Nicht einmal der Tod kann das verhindern. Maria Magdalena und ihre Freundin Maria gewinnen ihr Gottvertrauen wieder. Das ist es, was ihre tiefe Traurigkeit in Freude verwandelt: Was auch immer geschehen mag, wir bleiben mit Gott verbunden.

Ihre Freude setzt sie in Bewegung. Sie können gar nicht anders. Sie eilen und laufen fröhlich los, um ihre Freude mit anderen zu teilen. Sie wollen ihre neu entdeckte Hoffnung und ihr wiedergewonnenes Gottvertrauen teilen – mit den Freunden von Jesus, am besten mit allen Menschen. Seitdem erzählen sich Menschen die Geschichte von Ostern. Sie erzählen davon, wie aus Trauer Freude wird: Weil Jesus lebt, sind wir nicht allein. Der Auferstandene begründet die Hoffnung: Was auch immer geschehen mag im Leben, Gott bleibt an unserer Seite.

Manchmal kann man das nicht spüren. Manchmal aber doch: in der Umarmung eines Freundes, in einer neuen Idee, einer unerwarteten Möglichkeit, das Leben zu leben. Andere empfinden, dass Gott in der Musik dabei ist. Immer da, wo aus Traurigkeit Freude wird, werden Menschen zu Zeugen der Ostergeschichte. So wie die Frauen damals können wir auch heute jubeln und singen: Jesus lebt – und mit ihm und durch ihn leben auch wir. Amen.

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