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Als der alte Bischof stirbt
Bildquelle: Gerd Altmann/Pixabay

Als der alte Bischof stirbt

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Als der alte Bischof stirbt, ist Unruhe im Haus. Alles ist still, aber angespannt. Man weiß um das Sterben. Alle arbeiten - zugleich aber warten sie. Er ist geachtet, der alte Bischof, aber nicht beliebt. Ein großer, schlanker Mann, der keinen Zweifel duldet. Und maßregelt, wenn etwas nicht passt. Jetzt stirbt er schon länger; er selbst weiß es. Der Tod ist zu spüren, lässt sich aber Zeit. Das macht alle im Haus nervös. Niemand ist seiner Sache sicher.
Nur der Bischof. Deswegen lässt er rufen. Sein Sekretär kommt und findet den Bischof weinend. Das ist ungewöhnlich. Er setzt sich ans Bett. Der Bischof schweigt lange. Die Tränen fließen still. Dann glättet er die Decke, wischt die Tränen fort und sagt zu seinem Sekretär: Ich habe oft über das Leiden gepredigt, wollte trösten.

Heute weiß ich: Ich hätte mehr schweigen sollen. Keiner weiß, was Leiden ist. Bis man selbst leidet. Dann sind Herz und Seele oft leer.*

Der Sekretär ist erschüttert. Der Bischof hat geirrt, hört er in den Worten. Er spricht über Zweifel und Angst. Das kannte man nicht bei dem strengen Mann. Der Tod macht milde, denkt der Sekretär; der Tod macht aufrichtig. Der Bischof hat sich beruhigt, sein Gesicht ist entspannt. Das mit dem Leiden hatte er unbedingt sagen wollen. Dass wir darüber nie sprechen dürfen, als wäre es ein Leichtes. Der Bischof weiß es jetzt. Alle sollen es wissen. Leid ist oft schrecklich, wie ein Abgrund. Man kann nur mit seiner Leere vor Gott treten und bitten: Bleibe bei mir, mein Gott, stärke meine Sinne. Und schenke meiner Seele Trost.

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