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140 Zeichen sind nicht genug
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140 Zeichen sind nicht genug

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Donald Trump twittert gerne. Seine Tweets wirken, als bemerkte er immer erst kurz vor Schluss, dass ihm die Zeichen ausgehen. Dann bleiben nur Bruchstücke übrig: „Großer Ärger, ich nicht, Schlimm.“ Ich habe mir große Mühe gegeben, aber was ich bis jetzt gesagt habe, ist schon mehr als ein Tweed, mehr als 140 Zeichen, auf die der Kurznachrichtendienst Twitter seine Nachrichten begrenzt.

Donald Trump dagegen scheint selbst die komplexesten Reizthemen in 140 Zeichen auf Parolen reduzieren zu können. Dabei ist beinahe alles, mit dem es der Präsident einer Supermacht zu tun hat, vielschichtig und komplex. Mag sein, manches kann kurz und schriftlich erledigt werden. Einvernehmliche und tragfähige Lösungen für Streit oder kontroverse Diskussionen finden sich aber meist erst, wenn es sich die Kontrahenten wert sind, einander von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Das ist in der Politik so, aber auch in Partnerschaften oder Familien.

Vor beinahe 2000 Jahren hat das der Leiter einer christlichen Gemeinde auch so empfunden. Worin sich seine Gegner irren, hat er in einem kurzen kämpferisch Brief beschrieben und wie wichtig die Liebe ist. Aber dann schreibt er: „Ich habe euch noch viel zu sagen, möchte dazu aber nicht Papier und Tinte benutzen. Sondern ich hoffe, dass ich zu euch kommen kann. Dann werden wir von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Und dann wird unsere Freude vollkommen sein.“ (2. Joh 12)

Ich finde das bemerkenswert: Er kennt den Punkt, an dem es schriftlich und kurz nicht mehr weitergeht, den Punkt, an dem es mündlich und persönlich werden muss. Immer wenn es kontrovers wird, wenn zwischen Menschen viel auf dem Spiel steht, dann reichen schwarz und weiß nicht aus, dann sind die Grautöne wichtig, besser noch die ganze Breite der Farbpalette.

In einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht kommt es auch auf den Tonfall an, auf den Ausdruck im Gesicht meines Gegenübers, auf die Gefühle, die zwischen unseren Worten zu spüren sind, die Mühe, die wir uns beim Zuhören machen. Da heißt es sich einfühlen, unterscheiden, geduldig verhandeln und gemeinsam eine Lösung suchen, die alle trägt. Sich wirklich zu verständigen, das gelingt von Angesicht zu Angesicht am besten. 140 Zeichen sind da nicht genug.

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