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Gott und der Perfektionismus
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Gott und der Perfektionismus

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim

Als ich den folgenden Satz zum ersten Mal gehört habe, habe ich geschmunzelt: „Wenn zu perfekt, dann lieber Gott böse.“ Denn dem Fremdwort „perfekt“ zum Trotz habe ich an einen drolligen Kinderspruch gedacht. Schließlich knirscht hier der Satzbau. Und die Logik lässt zu wünschen übrig: Wer ist denn da zu perfekt? Und wie sollen denn bloß „lieber Gott“ und „böse werden“ zusammenpassen?

Der Satz hat mich aber nicht losgelassen: Denn weil er so unbeholfen-unschuldig klingt, rüttelt er an der tief in mir verwurzelten Vorstellung, dass man pausenlos sein Bestes geben muss. Ob als Christ oder einfach nur als Mensch. Und diese Vorstellung führt manchmal zu recht verkrampften Perfektionismus-Anwandlungen.

Ich habe dann herausgefunden: Der Spruch ist keine Schulaufsatz-Stilblüte. Sondern ein Zitat des 2006 verstorbenen koreanischen Avantgardekünstlers Nam June Paik. Er war Buddhist, und seine Kunst war oft sehr ironisch. Daher habe ich mich noch einmal etwas genauer gefragt: Passt der Satz wirklich dazu, wie ich mir als Christ Gott vorstelle? Schließlich steht in der Bibel ein klarer Jesus-Appell: „Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Wie geht das zusammen mit dem Satz „Wenn zu perfekt, dann lieber Gott böse?“

Das alles hat für mich dann sogar verblüffend gut zusammengepasst, als ich die Jesus-Forderung noch einmal im Zusammenhang betrachtet habe: Jesus wollte damals nicht, dass man Gebote nur oberflächlich und ohne innere Anteilnahme erfüllt. Und er hat kritisiert, dass man dann selbstgerecht die Hände in den Schoß legt. So gesehen, will Jesus in der Tat, dass ich als Christ mehr aus meinem Leben mache – und „perfekter“ werde. Aber in der Bibel wird eben auch sehr oft von einem Jesus erzählt, der dem Satz von Nam June Paik durchaus etwas abgewinnen könnte: Er lässt zum Beispiel seinen Jüngern einfach durchgehen, dass sie sich vor dem Essen nicht die Hände waschen, wie es eigentlich religiös vorgeschrieben war. Damit wiederum verärgert er Mitbürger, die nach frommer Perfektion streben. Und seine Gleichnisse wimmeln geradezu von Versagern und Gescheiterten. Also Unperfekten. Und sie alle erhalten am Schluss eine Chance.

Wenn ich das vor Augen habe, finde ich auch als Christ den Satz „Wenn zu perfekt, dann lieber Gott böse“ wirklich hilfreich und motivierend. Denn er hilft mir, eine wichtige seelische Balance zu halten: Gott steht zu mir, auch wenn ich nicht alle Regeln einhalte und perfekt bin. Aber Gott möchte natürlich auch, dass ich mich ehrlich um Verbesserung bemühe. So gesehen, tut mir der Satz immer wieder gut.

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