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Weniger nicht!

Weniger nicht!

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Pastoralreferentin im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
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Heute, am 15. März, denke ich an einen wichtigen Freund meiner Kindheit, 104 Jahre wäre er heute geworden. Er ist allerdings schon vor über 20 Jahren gestorben.

Anfang dieses Jahres aber war es mir vergönnt, eine Frau zu beerdigen, die dieses wahrhaft biblische Alter erreicht hat, 104! Sie war Jahrgang 1914. Ich hatte das Glück, diese alte Dame in ihren letzten Lebensjahren kennen zu lernen, und bin noch immer schwer beeindruckt – und das nicht nur, weil sie sich tatsächlich noch an den Ersten Weltkrieg erinnerte, den sie in ihren ersten Lebensjahren erlebt hat, sondern weil sie bis ins hohe Alter geistig wach und interessiert war. (Welche Epochen überbrückt so ein Menschenleben, welche Entwicklungen!)

Bis kurz vor ihrem Tod las sie Bücher, die ich selbst als höchst anspruchsvoll empfand. Richtige Literatur, auch Zeitgeschehen, und sie setzte sich damit auseinander. Lesen war ihre Leidenschaft.

Viele der Autorinnen und Autoren, die ich heute als „klassisch“ empfinde, waren letztlich ihre Zeitgenossen. Zum Beispiel Marie Luise Kaschnitz, deren Bücher sie gerne las – und die gerade mal 14 Jahre älter war und bis zu ihrem Tod 1974 lange Jahre in Frankfurt lebte. Marie Luise Kaschnitz war eine religiös Suchende und Hoffende. Wenn sie über das Leben nach dem Tod nachdachte, sprach sie manchmal von einem „Haus von Licht“. Ein schönes Bild!

Bei der Vorbereitung der Beerdigung dieser alten Dame bin ich auf einen wunderbaren Text von Marie Luise Kaschnitz gestoßen, den ich Ihnen vorlesen möchte. Sie schreibt:

 Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte, wie ich selber Aussehen sollte       Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz verdammter Seelen
Nur
Nur Liebe - frei gewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold, mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnenwebenleichtes Gewand, ein Hauch mir um die Schultern
Liebkosung, schöne Bewegung, wie einst von thyrrhenischen Wellen ...
Wie von Worten hin und her    

Wortfetzen, komm du komm

Schmerzweh mit Tränen besetzt, Berg- und Talfahrt

Und deine Hand wieder in meiner, so lagen wir   
lasest du vor,    
Schlief ich ein, wachte auf, schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich, entlässt mich und immer so fort

Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte
Weniger nicht.  

(Quelle: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in 7 Bänden, Frankfurt am Main: Insel 1981 ff., 5. Band)


Weniger nicht! Das wünsche ich denen, die uns schon in das Haus aus Licht vorangegangen sind, wie etwa der hochbetagten Dame und irgendwann auch mir selbst!

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