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Stille Woche
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Stille Woche

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad
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Eine Frau erzählt mir von den letzten Stunden vor dem Tod ihrer Mutter. „Wissen Sie, an dem Abend vor dem Tod meiner Mutter war ich nochmal bei ihr im Pflegeheim. Bei meinen Besuchen davor habe ich ihr immer viel erzählt: was ich den Tag über gemacht habe oder auch irgendwelche Erinnerungen von früher. Ich konnte die Stille nicht aushalten. Ich habe geredet und geredet. Sie selber hat gar nichts mehr gesagt.“ Die Frau erzählt weiter: „Am letzten Abend hatte ich auf einmal nicht mehr das Bedürfnis zu reden. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: Mutti, ich bin jetzt einfach bei dir, und wir hören in die Stille. Und dann habe ich ihre Hand genommen, und wir waren zusammen still.“  Sie beschreibt, wie es im Zimmer der Mutter aussah. Das Pflegeheim hatte eine durchsichtige Säule in das Zimmer gestellt. In der Säule stiegen Wasserblasen auf. Sie leuchteten in verschiedenen Farben. Meine Gesprächspartnerin sagt: „Das hat mich ruhig gemacht. Ein ganz tiefer Frieden kam in das Zimmer und auch in mich hinein. Am nächsten Morgen ist meine Mutter gestorben.“

Der französische Philosoph Blaise Pascal schreibt: „Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Diese Frau hat am Sterbebett ihrer Mutter diese Fähigkeit erlernt. Sie konnte auf einmal ruhig in einem Zimmer sein und mit ihrer Mutter schweigen. Das beeindruckt mich. Einander anschauen oder die Hand des anderen spüren, einfach nur da sein, den Moment wirken lassen – das muss ich üben. Das geht nicht auf Befehl. Ich muss dazu bereit sein. Dann ist Schweigen mehr als nicht reden. Manchmal kann ich in der Stille mein Herz öffnen. Dann nehme ich tiefer wahr, was in mir ist und außen vor sich geht.

Das geht nicht nur alleine, sondern auch mit anderen. Gemeinsam beredt zu schweigen, ist eine beglückende Erfahrung. Manchmal ist sie tiefer als ein Gespräch.

Und es ist gut, einen Ort für die Stille zu haben. Ich muss ihn vorbereiten, damit mich nichts und niemand in der Stille stört.

Gestern hat die Karwoche begonnen. Sie wird auch die „Stille Woche“ genannt. In diesen Tagen denken Christinnen und Christen an das Leiden und Sterben Jesu. Die Karwoche beginnt mit dem Palmsonntag, an dem Jesus nach Jerusalem einzieht. Und sie endet mit dem Tod Jesu am Kreuz und seiner Grablegung. Kara heißt „Trauer“, „Kummer“ und „Klage“. In unserer Kultur gehört zum Trauern die Stille. Deshalb heißt die Karwoche auch „Stille Woche“.

Ich verstehe diese Woche als eine Einladung: Soweit es geht, mache ich weniger Termine aus und nehme mir Zeit, still zu werden und in mich hineinzuhören. Offen dafür zu sein, was um mich herum geschieht. Dabei muss ich gar nicht unbedingt traurig sein. In der Stille darf alles in mir hochkommen: Freude und Traurigkeit, Glück und Schmerz. Ich will üben, mit mir selbst ruhig in einem Zimmer zu sein. Vielleicht spüre ich dann: Gott ist auch da.

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